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Deutsche Identität : Auch Auschwitz?

„Auschwitz gehört zur Identität Deutschlands“: Bundespräsident Gauck in seiner Rede am Holocaust-Gedenktag im Bundestag. Bild: AFP

Wer verstehen will, warum die Menschenwürde unser höchster Rechtswert ist, muss sich mit der deutschen Geschichte befassen. Mit Auschwitz, aber auch mit der Aufklärung. In Integrationskursen sollten beide Kapitel nicht fehlen.

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          Der Kernsatz der Rede des Bundespräsidenten zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz wird breite Zustimmung erfahren – aber auch Ablehnung, und dies nicht nur von Holocaustleugnern und Extremisten aller Art. Denn in jedem zivilisierten Menschen muss sich etwas dagegen sträuben, ein Verbrechen wie den industrialisierten Völkermord an den Juden Europas als Teil der nationalen Identität anzunehmen. Dennoch ist er das. Das heutige Deutschland wurde auch auf den Ruinen von Auschwitz errichtet – als freiheitlich-demokratischer, dem Schutz der Menschenrechte verpflichteter Gegenentwurf zu Hitler-Diktatur und Rassenwahn. Deutsche Innen- und Außenpolitik sind bis heute nicht wirklich zu verstehen ohne Kenntnis der dunkelsten zwölf Jahre der deutschen Geschichte und der Lektionen, die nach dem Krieg aus ihnen gezogen wurden.

          Auschwitz, so hätte es vielleicht ein früherer Bundespräsident gesagt, gehört zweifellos auch zu Deutschland. Doch sehen das auch die Einwanderer so, die noch weniger Grund haben, sich für den Holocaust verantwortlich oder gar schuldig zu fühlen, als die nach dem Krieg geborenen Deutschen? Gehört nur zu Deutschland, wer auch Auschwitz (und die daraus abgeleiteten Verpflichtungen) als Teil seiner neuen deutschen Identität annimmt? Für eine wachsende Zahl von jungen Muslimen scheint eher der Antisemitismus identitätsstiftend zu sein. Gegen diese Form der „Islamisierung“ Deutschlands müssen alle demokratischen Kräfte antreten.

          Gedenktage, so sagte Gauck im Bundestag, führten eine Gesellschaft zusammen in der Reflexion über die gemeinsame Geschichte. Diese Reflexion muss, wie die vielen Debatten über die deutschen Vergangenheiten zeigten, nicht immer zu mehr Gemeinsamkeit führen. Das ist in offenen Gesellschaften weder möglich noch erforderlich. Notwendig aber ist ein Grundkonsens über die obersten Werte eines Gemeinwesens. Im Zentrum der Wertordnung des Grundgesetzes steht die Menschenwürde. Wer begreifen will, warum sie der höchste Rechtswert des Grundgesetzes ist, was dieser Begriff bedeutet und welche Verpflichtungen mit ihm verbunden sind, muss sich mit der Vergangenheit befassen. Mit Auschwitz, aber auch schon mit der Aufklärung. In Integrationskursen sollten beide Kapitel nicht fehlen.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

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