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Ausbildungsschiff : „Gorch Fock“ soll weiter segeln

  • Aktualisiert am

Bild: dpa

Das Ausbildungsschiff der Marine ist umstritten. Erst gab es zwei Todesfälle unter Kadetten, dann wurde es vorerst stillgelegt und jetzt stehen hohe Kosten bevor. Wieso die Bundeswehr es nun doch wieder in Betrieb nimmt.

          Vielen Stürmen und Unwettern hat die „Gorch Fock“ schon getrotzt, doch zuletzt drohte der Untergang wegen der immer höheren Reparaturkosten. Den hat Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) am Donnerstag in Berlin bei einem kurzfristig angesetzten Pressetermin medienwirksam verhindert. Als Retterin des „Stolzes der Marine“ - einer der vielen Spitznamen der „Gorch Fock“ - verkündete die Politikerin: Das Schiff wird saniert und soll noch über das Jahr 2030 hinaus als Segelschulschiff der Marine dienen - und in vielen Häfen der Welt zum positiven Image Deutschlands beitragen.

          Die unglaublich hohen Kosten von jetzt 75 Millionen Euro - ursprünglich war von knapp 10 Millionen ausgegangen worden - nannte sie aber bei ihrem gut einminütigen Auftritt nicht. Die Summe teilte ein Sprecher ihres Ministeriums mit.

          „Mit der „Gorch Fock“ ist es wie mit einem alten sanierungsbedürftigen Haus“, sagte von der Leyen. „Wir wollten erst Weniges reparieren, dann haben wir hinter die Planken geguckt und dann stellt man fest, dass sie grundsaniert werden muss. Bis auf den Kiel muss fast alles ersetzt werden.“ Und: „Die Gorch Fock symbolisiert weit mehr als ein Segelschiff, sie ist das Segelschulschiff, sie ist unverzichtbar in der seemännischen Tradition, sie hat eine lange Ausbildungsgeschichte hinter sich und sie ist vor allem Botschafterin auf den Weltmeeren.“ Nach der Grundsanierung werde man wieder ein prachtvolles Segelschulschiff haben.

          Die Marine hat immer wieder die Bedeutung des Segelschulschiffes für die seemännische und charakterliche Ausbildung des Offiziersnachwuchses der Marine hervorgehoben - auch im High-Tec-Zeitalter, in dem Computertechnik auf Marineschiffen dominiert. Seit der ersten Ausbildungsfahrt 1959 haben fast 15 000 Männer und Frauen - praktisch alle Offiziersanwärter - auf der „Gorch Fock“ unter teils extremen Bedingungen Teamgeist gelernt und den Kampf mit Naturgewalten bestanden. Die Kadetten schlafen in drei Reihen übereinander in Hängematten, die Frauen separat.

          Seit fast 60 Jahren gleitet der Dreimaster auch als maritimer Botschafter Deutschlands durch die Weltmeere, der Zahn der Zeit setzte aber dem Windjammer immer mehr zu. Trotz regelmäßiger Wartungen gab es im vergangenen Jahr eine böse Überraschung nach der anderen. Im Januar 2016 kam das 89 Meter lange Schiff ins Dock in Bremerhaven. Dort wurde nach und nach entdeckt, was alles repariert werden muss: An der Takelage, am Rumpf, das Holzdeck, schließlich müssen auch alle drei Masten ersetzt werden.

          Sicherheitsstandards deutlich verbessert

          Von zunächst kalkulierten knapp zehn Millionen Euro stiegen die Kosten bis Oktober 2016 auf mindestens 35 Millionen Euro. Dann riss der Projektleiter die Reißleine, die Arbeiten wurden gestoppt. Da waren schon zwölf Millionen Euro in die Arbeiten geflossen. Es wurde eine Wirtschaftlichkeitsprüfung angestellt.

          Mögliche Alternativen wie ein Neubau und das Mieten eines Ersatzschiffes als Übergangslösung prüfte das Ministerium. Für die Marine stand der Erhalt der Fähigkeit zur seemännischen Basisausbildung des Führungsnachwuchses im Vordergrund. „Die Untersuchung ergab, dass nur durch den Weiterbetrieb der „Gorch Fock“ für die Marine nahezu bruchfrei ein Schiff zur Ausbildung des Nachwuchses zur Verfügung gestellt werden kann“, sagte der Sprecher. Jede Alternative lasse etwa das Arbeiten der Offizieranwärter in der Takelage nicht zu, da nur die „Gorch Fock“ über die gesetzten Sicherheitsstandards verfügt.

          Die Sicherheit ist in den vergangenen Jahren nach zwei tödlichen Unfällen von Kadetten verbessert worden. Eine Kadettin war bei der Ausbildung aus der Takelage aufs Deck gestürzt - die Masten sind bis zu 45 Meter hoch. Eine andere Kadettin schob nachts Wache und verschwand von Bord. Ihre Leiche wurde später im Meer gefunden - was passierte, wurde nie restlos aufgeklärt.

          In der Öffentlichkeit flammte die Diskussion auf, ob ein Segelschulschiff überhaupt noch zeitgemäß ist. Gegner argumentierten, im Computerzeitalter sei die Fähigkeit, Segel setzen zu können, anachronistisch. Die Befürworter betonten die besonderen Erfahrungen auf einem Segler als nicht ersetzbar.

          Die Marine reagierte und beschloss ein neues Ausbildungskonzept. In die Takelage wurden Sicherungen eingebaut und auf dem Gelände der Marineschule Mürwik in Flensburg ein Übungsmast errichtet.

          „Wesentlicher Teil der Ausbildung“

          „Gorch Fock“-Kommandant Nils Brandt sagte zu der Nachricht aus Berlin: „Die Entscheidung, die „Gorch Fock“ zu erhalten, hat bei meiner Besatzung und mir große Erleichterung ausgelöst. Nach langer Zeit der Flaute ist wieder Wind zu spüren und das tut gut, denn die „Gorch Fock“ erfüllt einen ganz wesentlichen Auftrag zur Ausbildung unseres Nachwuchses.“ Für die Zeit der Reparatur denkt die Marine über eine Ersatzlösung nach, zum Beispiel die Anmietung eines Großseglers.

          Mit großer Freude kommentierte der Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Berichterstatter für die Marine, Ingo Gädechens, die Entscheidung: Das Segelschulschiff sei nicht nur als Ausbildungsplattform unverzichtbar. „Darüber hinaus ist die Dreimastbark ein Mythos. Sie zeichnet nicht nur den Weg unserer gefestigten Demokratie nach, sondern ist in den vergangenen 60 Jahren ein Symbol unserer friedliebenden Bundesrepublik als Botschafterin in Weiß weltweit bekannt geworden!“

          Schleswig-Holsteins Landtagspräsident Klaus Schlie, der „Pate“ des Segelschulschiffs, sprach von einem „wirklich guten Signal für die Marine, das Land Schleswig-Holstein und die Stadt Kiel.“ Er würde sich auch freuen, wenn es zu einem Neubau käme, sagte Schlie. Zu Frage eines Neubaus nach 2030 äußerte sich ein Sprecher des Verteidigungsministeriums zurückhaltend. Es würden parallel die Prozesse eingeleitet, um die besonderen Ausbildungsfähigkeiten der „Gorch Fock“ in einer Nachfolge-Einheit zu erhalten./mho/DP/tos

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