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Ausbildung bei der Bundeswehr : So sollen die Soldaten wieder fit werden

Soldaten lernen in der Grundausbildung marschieren Bild: dpa

Die Fitness in der Bundeswehr lässt zu wünschen übrig, manche Soldaten brechen sogar während der Übungen zusammen. Die Bundeswehr erprobt nun, wie die Ausbildung der jungen Rekruten verbessert werden kann.

          3 Min.

          Das deutsche Heer möchte die körperliche Leistungsfähigkeit seiner Soldaten verbessern. Dass es mit der Fitness der jungen Rekruten im Durchschnitt nicht zum allerbesten steht, belegten in den vergangenen Jahren die Erfahrungen der Ausbilder in der Grundausbildung. Die Annahme, derzufolge die militärischen Neulinge, die nun ja allesamt freiwillig den Weg zur Truppe finden, körperlich besser auf die Belastungen des Soldatentums vorbereitet wären, als die früheren Wehrpflichtigen, hat sich jedenfalls als falsch erweisen.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Die Bundeswehr bietet zwar viele Tätigkeiten, bei denen keine 20 Kilo Gepäck getragen werden müssen, aber in der dreimonatigen Grundausbildung sind alle Soldaten gleichermaßen gefordert. Manchmal auch überfordert, etwa wenn Ausbilder längere Märsche bei sommerlicher Hitze verlangen. Da kam es in der Vergangenheit schon zu schweren Zwischenfällen, vereinzelt sogar mit Todesfolge. Andererseits müssen die Soldaten der Bundeswehr heutzutage auch körperlich auf Einsatzgebiete vorbereitet werden, wo extreme Temperaturen zum Alltag gehören, etwa in Afrika, aber auch in Afghanistan. Der Heeresinspekteur, Generalleutnant Jörg Vollmer, hat deswegen eine Neuordnung der dreimonatigen Grundausbildung auf den Weg gebracht, bei welcher der Anteil des Sports um mehr als die Hälfte erhöht wird. Statt der bisherigen siebzig Stunden soll es künftig 110 Stunden Sport geben. Eingespart wird dafür anderswo, etwa entfällt in den Anfangswochen die Ausbildung an der Pistole, auch die Übungszeit für atomare-, biologische- oder chemische Kriegsführung wurde reduziert.

          Das Ziel des modernisierten Unterrichts ist es aber außerdem, die Soldatinnen und Soldaten für den Sport zu begeistern und sie zu motivieren, auch in ihrer Freizeit etwas zu tun. Was jedes zivile Fitnessstudio liefert, soll außerdem auch bei der Bundeswehr möglich werden: Individuelle Trainingseinheiten und Ernährungsberatung als Teil des Sportkonzepts, auch attraktiveres Sportgerät. Weil bei der Bundeswehr alles etwas länger dauert, wird das neue Konzept zunächst in einem Pilotprojekt getestet. Ausgewählt wurde dafür ein Bataillon, das sich seit mehr als fünfundzwanzig Jahren in zahlreichen Einsätzen im In- und Ausland bewährt hat. Die Hagenower Panzergrenadiere haben eine Gesamtstärke von 850 Soldaten, darunter derzeit rund fünfzig Rekruten. Parallel zu diesem Pilotbataillon wird in einem anderen Bataillon des Heeres die Grundausbildung nach bisherigem Muster durchgeführt, um bei der späteren Auswertung besser vergleichen zu können.

          Zum Einsatz kommt auch ein „Hitzestress-Messgerät“

          Teil der Pilotphase ist auch ein kleines Testgerät, das den gesunden Menschenverstand durch Messdaten ersetzen oder zumindest ergänzen soll. Mit dem „Hitzestress-Messgerät TC 100“ werden Umwelteinflüsse gemessen, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und Wärmestrahlung. Daraus ergibt sich dann exakt, was einem die allgemeine Lebenserfahrung auch nahebringt: Je wärmer es wird, desto häufiger sollte man bei der körperlichen Arbeit pausieren und desto mehr sollte man trinken. Allerdings rät der so ermittelte Index beispielsweise, dass Soldaten mit Gepäck bei mehr als 32 Grad nicht länger als zehn Minuten pro Stunde marschieren sollten. Für die sechs Kilometer vom Brandenburger Tor zum Kurfürstendamm brauchte ein Hagenower Test-Grenadier unter Berücksichtigung des „TC 100“ dann rund acht Stunden, während ein leichtbekleideter holländischer Tourist nach anderthalb Stunden am Ziel wäre. Der Grenadier müsste außerdem auf einer Tageswanderung mit acht Litern Wasser versorgt werden. Nun ist zwar nicht anzunehmen, dass sich die hochmotivierten Hagenower Rekruten auf der Grundlage solche mechanisierter Rechenexempel blamieren wollten. Doch droht aus der spezifischen Kultur der Bundeswehr heraus stets die Gefahr, dass sich irgendwann jemand vor einem Arbeits- und Verwaltungsgericht darauf berufen wird und wahlweise Beförderung, Schmerzensgeld oder vorzeitige Pensionierung einklagt.

          Vollmer sagte, man müsse einfach akzeptieren, dass es unterschiedliche Trainingszustände gebe. Ziel des veränderten Trainings ist es, vor Beginn der eigentlichen Gefechtsausbildung einen guten körperlichen Zustand zu erreichen. Zugleich aber soll durch individuelleres Training auch verhindert werden, dass Rekruten, die man eigentlich gerne behalten möchte, wegen sportlicher Unzulänglichkeit und demotivierender Erlebnisse das Heer wieder verlassen. Und beim heutigen Arbeitsmarkt könne man nicht mehr sagen: Geh erstmal trainieren und komm in drei Monaten wieder. Das kann sich die Truppe nicht mehr erlauben. Dann gingen die Bewerber anderswo hin und wären für den Arbeitgeber Bundeswehr verloren.

          In der Pilotphase wurde vor allem versucht, diejenigen, die den Grundanforderungen zunächst nicht genügten ausreichend stark zu machen. Grundanforderung, das bedeutet etwa, 1000 Meter in weniger als sechs Minuten zu laufen. Oberstleutnant Alexander Radzko, der Kommandeur in Hagenow, ist mit den bisherigen Ergebnissen jedenfalls sehr zufrieden. Es habe starke Leistungsverbesserungen gegeben, etwa beim Ausdauerlauf. Alle Rekruten hätten den Basistest nun bestanden, niemand habe nach den ersten 48 Stunden seine Ausbildung abgebrochen. Es gebe so wenig Krankmeldungen wie nie zuvor, sagte der hochzufriedene Bataillonskommandeur Radzko. Der Inspekteur der Heeres kündigte an, dass die Grundausbildung bei erfolgreichem Fortgang des Pilotprojekts im Sommer des kommenden Jahres im gesamten Heer nach den neuen Grundsätze erfolgen sollte.

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