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Ausbildung auf der „Gorch Fock“ : Sturm über dem Schinderschiff

Wenn die See das Leben diktiert: Die Gorch Fock, hier im Kieler Hafen
          3 Min.

          Wenn die „Gorch Fock“ in einem deutschen Hafen liegt, wo Tausende Besucher an Bord strömen, zehrt die Crew von der Rolle ihres Schiffs als allseits beliebte Projektionsfläche für Seefahrerromantik. Mit der Realität an Bord hat das nur wenige Tage im Jahr zu tun. Für die übrige Zeit wartet auf die Soldaten an Bord des Schiffes vor allem eins: Der Seemannsalltag des 19. Jahrhunderts. Das ist ein rauher Alltag - und für Kapitän zur See Norbert Schatz, den Kommandanten des Schiffes, am liebsten ein stürmischer: „Mit 220 Mann ein knapp 2000 Tonnen schweres Schiff durch die Elemente zu bewegen, das ist für mich der Reiz an diesem Kommando“, beschrieb Schatz im Gespräch mit dieser Zeitung einmal seinen Auftrag.

          Lorenz Hemicker
          Redakteur in der Politik

          Ein Segeltörn an Bord der „Gorch Fock“ und nach Möglichkeit auch ein schwerer Sturm gehören für jeden angehenden Marineoffizier zur Ausbildung. Vom Leutnant zur See bis zum Marineadmiral - alle haben an Bord dieses Schulschiffs die Grundlagen des seemännischen Handwerks erlernt. Was sich für den Laien wie ein Traum anhört, entpuppt sich an Bord binnen Kürze als härtester Teil der Offizierausbildung.

          Die See diktiert den Lebensrhythmus

          Während ihrer Zeit an Bord sind die Schul- und die Stammbesatzung rund um die Uhr im Einsatz und den Gewalten der Natur ausgesetzt. Für viele der jungen Frauen und Männer ist es das erste Mal, dass sie an ihre körperlichen Leistungsgrenzen stoßen, die heutzutage oftmals deutlich niedriger liegen als bei früheren Crews. Beim Segeln des Dreimasters verlangt nahezu jedes Manöver, dass Dutzende an Tauen ziehen, um Segel zu setzen, zu richten oder das Schiff neu auszurichten. Schweiß, Schwielen und Schmerzen sind es, die unter Ehemaligen den Ruf des Großseglers als „Schinderschiff“ begründen.

          Segeln als Mittel zum Zweck: Für Kapitän Norbert Schatz ist auch Charakterbildung wichtig
          Segeln als Mittel zum Zweck: Für Kapitän Norbert Schatz ist auch Charakterbildung wichtig : Bild: dpa

          Auch psychisch gilt es für die jungen Menschen, mit vielen ungewohnten Einschränkungen klarzukommen. Eng an eng hängen die Hängematten in den Kadettenwohnräumen auf dem Zwischendeck. Der Spind für persönliche Habseligkeiten ist so groß wie ein Bahnhofsschließfach. Und den Lebensrhythmus diktiert die See. Segel müssen Dutzende Meter über dem Decksboden von den Soldaten bei jeder Wetterlage gesetzt und neu ausgerichtet werden. Auch nachts um vier.

          Das Auftakeln gehört zum festen Programm der Offiziersausbildung. Niemand wird gezwungen, wie niemand gezwungen ist, Offizier zu werden. Nur wer die Höhentauglichkeitsprüfung besteht, darf in der Takelage hinauf bis zu den Segeln des Dreimasters klettern. Wer bei der Prüfung durchfällt, heißt es, könne zwar trotzdem Offizier werden, komme aber in den Wochen auf der „Gorch Fock“ über das Deck nicht hinaus. Jeder will die Prüfung deshalb natürlich bestehen, aber auch hier gilt: Niemand wird gezwungen. Die Körpergröße, wie es jetzt im Fall der zu Tode gestürzten Anwärterin heißt, spielt dabei keine Rolle. Es gilt in der Marine die Begrenzung, die für alle Truppenteile der Bundeswehr gilt: Wer kleiner als 1,55 Meter ist, ist untauglich. Die Soldatin war 1,59 Meter groß.

          Schatz steht mit seiner Einschätzung nicht allein da

          Wozu braucht die Marine heute noch ein Segelschulschiff? Norbert Schatz hat diese Frage schon oft gehört. Und er weiß von seinen Vorgängern, dass sie so alt ist wie die Bark, die 1958 vom Stapel lief. Der 53 Jahre alte Kommandant hat schon viele Offiziercrews kommen und gehen gesehen. Segeln ist für ihn im doppelten Sinn ein Mittel zum Zweck: Strömung, Wellen und Windstärken - all das lasse sich nirgendwo intensiver wahrnehmen und einschätzen lernen als auf einem Segelschulschiff. Doch noch wichtiger ist für Schatz ein anderer Aspekt: Charakterbildung. „Wenn ich vier Uhr morgens die Takelage hochklettere“, sagt Schatz, „dann muss ich mich auf meinen Nebenmann verlassen können.“ Das gelte umso mehr, wenn der an Land gewohnte Lebensrhythmus an Bord weggeblasen wird. Hinzu komme bei der jetzigen Generation, die mit Einzelzimmer, Laptop und Fernseher aufwachse, der ungewohnte Verlust an Privatsphäre. „Die heutigen Kadetten brauchen die Ausbildung mehr denn je“, sagt Schatz.

          Mit seiner Einschätzung steht der langjährige Kommandant des Segelschulschiffs nicht allein da. Die Einstellung der Offizieranwärter, so heißt es in der Marineschule, habe sich grundlegend gewandelt. Früher, so sagt ein Offizier der zentralen Ausbildungsstätte für den Führungsnachwuchs der Marine, seien die jungen Menschen zu ihnen gekommen, um die Welt zu sehen - auch unter Entbehrungen. Heute hätten die meisten die Welt schon gesehen. Studium und spätere Karrieremöglichkeiten stünden bei vielen im Vordergrund. Jeder kämpfe allein für sich.

          So ist es auch kein Wunder, dass es den Ausbildern zunehmend schwerer fällt, den „Crewgedanken“, den Zusammenhalt der Marineoffizierjahrgänge, bei den Anwärtern zu verankern. Während Angehörige früherer Jahrgänge einander oft ein Leben lang verbunden bleiben, verlieren sich viele jüngere Offizierjahrgänge inzwischen schon nach der zweijährigen Offizierausbildung aus den Augen. Bei den heutigen Kadetten, sagt ein Offizier, sei es unter dem Strich von Anfang an deutlich schwieriger, ihnen die harten Einsatzbedingungen an Bord des Schulschiffs abzuverlangen.

          „Mitdenkender Gehorsam“, aber keine Pflicht zur Debatte: Wann ist ein Befehl verbindlich?

          Jeder Arbeitnehmer muss Weisungen befolgen, jeder Beamte ist zum Gehorsam verpflichtet. Aber nur der Soldat kann für eine Weigerung auch strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. Der Soldat hat die Pflicht, Befehle seiner Vorgesetzten „nach besten Kräften vollständig, gewissenhaft und unverzüglich auszuführen“. Gehorsamsverweigerung ist eine Wehrstraftat. Wer einen Befehl dadurch verweigert, „dass er sich mit Wort oder Tat gegen ihn auflehnt“, oder wer „darauf beharrt, einen Befehl nicht zu befolgen, nachdem dieser wiederholt worden ist“, der kann mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden.

          Eine gemeinsame Gehorsamsverweigerung ist eine „Meuterei“. Wenn sich Soldaten „zusammenrotten und mit vereinten Kräften“ den Gehorsam verweigern (oder etwa eine Nötigung oder einen tätlichen Angriff begehen), dann liegt die Mindeststrafe bei sechs Monaten - im Höchstfall sind es fünf Jahre Haft. Für Rädelsführer oder wenn die Tat eine schwerwiegende Folge hatte, kann die Meuterei sogar als Verbrechen mit Haftstrafen von einem bis zu zehn Jahren geahndet werden.

          Gehorsam ist die zentrale Pflicht

          Auf der anderen Seite muss nicht jeder Befehl befolgt werden. Etwa, wenn er nicht zu dienstlichen Zwecken erteilt wurde oder gegen die Menschenwürde verstößt. Er darf sogar nicht befolgt werden, wenn durch den Befehl eine Straftat begangen würde. Der häufigste Fall eines nicht-dienstlichen Befehls ist, dass der Vorgesetzte eine Anweisung zu eher privaten Zwecken erteilt. Ein Verstoß gegen die Menschenwürde liegt vor, wenn gegen die grundlegenden Bedingungen des Menschseins verstoßen wird, der Untergeben zum Objekt gemacht wird. Befolgt der Soldat einen unverbindlichen Befehl, so ist er dafür grundsätzlich nicht verantwortlich.

          Befehl und Gehorsam sind Voraussetzung für das Funktionieren der Streitkräfte. Die Gehorsamspflicht ist eine zentrale Pflicht des Soldaten. Allerdings wird kein „Kadavergehorsam“ verlangt, wie er im übrigen rechtlich gesehen auch in den Zeiten vor 1945 nicht verlangt wurde. Aus der Vorgabe des Soldatengesetzes, dass Befehle „gewissenhaft“ auszuführen sind, wird ein „mitdenkender Gehorsam“ herausgelesen. Daraus wird die Pflicht des Befehlsempfängers abgeleitet, Meldung zu erstatten oder eine „Gegenvorstellung“ zu erheben.

          Aus einer Weigerung kann eine Meuterei werden

          Daraus darf man aber nicht den Schluss zu ziehen, es gebe etwa eine Pflicht zur Debatte. Wenn keine der gesetzlich vorgesehenen Ausnahmen vorliegt, ist ein Befehl erst einmal verbindlich. Dass ein Befehl nicht zumutbar ist oder gar gegen die Menschenwürde verstößt, muss als enge Ausnahme gesehen werden. Schließlich gehört die Gefahr zum Soldatenberuf - ein Soldat wird ausgebildet, um damit umzugehen.

          Es mag also unzumutbar sein, einen Soldaten mit Höhenangst in die Takelage des Segelschulschiffs klettern zu lassen - wobei man sich fragt, warum derjenige überhaupt auf der „Gorch Fock“ mitfährt. Dass das Aufentern angeblich grundsätzlich freiwillig war, schließt nicht aus, dass eine konkrete Anweisung als Befehl gelten musste und damit verbindlich war. Und aus einer Weigerung kann sich dann eine strafbare Meuterei entwickeln, die auf einem Schiff eine andere Dimension hat als an Land - das zeigt nicht nur ein Blick in die Filmgeschichte.

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