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Kommentar zu „Aufstehen“ : Dann lieber Liegenbleiben

  • -Aktualisiert am

Die Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke im Bundestag, Sahra Wagenknecht, und ihr Mann, Oskar Lafontaine Bild: dpa

Aufstehen kann jeder. Wer es tut, weil er etwas ändern will, ist auf dem richtigen Weg. Wer aber nur aufsteht, um von seiner Enttäuschung zu erzählen, hätte auch gleich liegenbleiben können.

          Oskar Lafontaine und seine Ehefrau Sahra Wagenknecht wollen Deutschlands Enttäuschte um sich scharen. Lafontaine sagte diese Woche, es gehe sogar „vor allem“ um diejenigen, „die seit vielen Jahren enttäuscht sind“, demnach um Menschen, die sich in ihrer Enttäuschung schon eingerichtet haben. Ihnen wollen die beiden Linken mit ihrer Sammlungsbewegung „Aufstehen“ ein neues politisches Zuhause bieten.

          Wohl, weil Enttäuschte eine niedrige Frustrationstoleranz haben, wird ihnen das Mitmachen extrem leicht gemacht. Sie müssen sich nur mit Namen und E-Mail-Adresse anmelden. Als Name geht zum Beispiel auch „Marl Karx“.

          Die Enttäuschten ködern

          Lafontaine sagt, die Bewegung habe jetzt schon 50.000 Unterstützer. Mit Marl Karx 50.001. Eine imposante Zahl. Sie zeigt, welchen großen Vorteil es hat, Enttäuschte anzulocken: Es gibt viele. Sie lenken durch lautstarkes Quengeln und stummstarkes Schmollen viel Aufmerksamkeit auf sich. Für Menschen, deren Erwartungen nicht unterschritten, sondern übertroffen werden, gibt es kein eigenes Wort. Insofern eine Diskriminierung der Angenehmüberraschten.

          Egal. Über die Enttäuschten wird oft gesprochen, als sei ihnen Unrecht widerfahren: Ihre Erwartungen wurden nicht erfüllt. Als sei nur der schuld, der erfüllt, und nie derjenige, der erwartet. Lafontaine und Wagenknecht wollen die Enttäuschten ködern, „die sich von der Politik nicht mehr vertreten sehen“. Eine Aussage von schier schlangenmenschlicher Biegsamkeit, sind Lafontaine und Wagenknecht doch selbst Teil „der Politik“: Sie verdienen ihr Geld als Fraktionsvorsitzende in Landtag beziehungsweise Bundestag.

          Doch die Enttäuschten können sich einreden, dass der Sprecher nebensächlich ist, solange der Spruch stimmt; so wie beim Millionär Trump, der über hohe Chefgehälter schimpft. Wagenknecht verspricht denen, die sich im Stich gelassen fühlen, einen Aufbruch.

          Mission Impossible?

          Die Frage ist, wie der aussehen soll. Wenn die Enttäuschten wirklich aufbrechen wollten, warum haben sie es all die Jahre nicht getan? Manche haben ja. Der Juso-Chef Kevin Kühnert war enttäuscht, dass die SPD-Spitze eine große Koalition wollte. Also dirigierte er eine Kampagne dagegen. Die Mehrheit in der Partei stimmte dafür. Kühnert twitterte: „Sind angetreten, um zu gewinnen. Daher erstmal: Enttäuschung.“ Na und? Kühnert tauchte nicht ab in seiner Enttäuschung, stattdessen arbeitet er jetzt daran mit, dass die SPD erfolgreicher wird.

          Mission Impossible, sagen manche. Und wenn schon. Enttäuscht wird jeder; enttäuscht bleibt nur, wer es will. Viele wollen. Es gibt Frauen, die sind enttäuscht von „den Männern“, und Bürger, die sind enttäuscht von „der Politik“. Meist werden sie dann bitter. Das müssen sie nicht bleiben. Aufstehen kann jeder. Wer es tut, weil er etwas ändern will, ist auf dem richtigen Weg; egal, ob es schiefgeht oder nicht. Wer aber nur aufsteht, um von seiner Enttäuschung zu erzählen, hätte auch gleich liegenbleiben können.

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