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Aufarbeitung der Nachwendezeit : Das Treuhand-Trauma

Bis heute nicht verarbeitet: Kali-Bergleute protestieren am 1993 auf dem Werksgelände im thüringischen Bischofferode gegen die beabsichtigte Schließung des Betriebes. Bild: dpa

Die Aufarbeitung der Nachwendezeit gewinnt im Osten an Fahrt. Die Bischofferoder Kumpel sehen sich bis heute als Opfer geheimer Abmachungen zugunsten der westdeutschen Kali-Industrie. Die SPD will nun eine Kommission einrichten.

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          Es war ein wenig beachtetes „Jubiläum“ im Juli im thüringischen Bischofferode. Vor 25 Jahren waren hier Kali-Kumpel in einen Hungerstreik getreten, um für den Erhalt ihres Bergwerks zu kämpfen. Mehr als 40 Arbeiter schlossen sich den Initiatoren an, die Bilder von den auf Pritschen liegenden hungernden Männern gingen um die Welt. Die internationale Presse berichtete aus dem kleinen Ort im Eichsfeld, vor allem in Ostdeutschland solidarisierten sich Menschen unter dem Motto „Bischofferode ist überall“ mit den Streikenden, es gab Benefizkonzerte und Sondersendungen. Geholfen hat es alles nichts: Die thüringischen Kali-Gruben wurden Ende 1993 geschlossen. Mehr als 1.000 Menschen verloren ihre Arbeit, die jungen Mitarbeiter gingen weg, Bischofferode verlor mehr als 700 Einwohner, zurück blieben meist Ältere sowie Industrieruinen und leere Häuser, die abgerissen wurden.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Die Aufmerksamkeit, die Bischofferode erzeugte, erschütterte die Treuhandanstalt und die Bundesregierung, die mit einer solchen Eskalation des Protests gar nicht mehr gerechnet hatten. Denn Bischofferode war fast der Schlusspunkt der Blitz-Privatisierung der volkseigenen Wirtschaft, die mit der Einführung der D-Mark am 1. Juli 1990 ihren Anfang genommen hatte. Bereits Ende 1992, also binnen zweier Jahre, hatte die Treuhand mehr als 90 Prozent der 8.500 einstigen DDR-Betriebe privatisiert oder abgewickelt, mehr als drei Viertel der Unternehmen gingen an westdeutsche Käufer. Gerade mal zehn Prozent, meist kleine Firmen, veräußerte die Anstalt an Ostdeutsche, die mangels Kapital nicht als kreditwürdig galten. Quasi über Nacht verschwanden Großbetriebe und ganze Industrien, Hunderttausende Menschen wurden auf einen Schlag arbeitslos. Das Bruttoinlandsprodukt im Osten sank damals stärker als in Deutschland während der Weltwirtschaftskrise.

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