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Wahlerfolg von Politikern : Bekannt und schön sollen sie sein

Sahra Wagenknecht: „Die attraktivste deutsche Spitzenpolitikerin“ Bild: dpa

Laut einer neuen Studie ist Christian Lindner der attraktivste Politiker auf Bundesebene, bei den Frauen ist das Sahra Wagenknecht. Ein Attraktivitätsforscher erklärt, wie Schönheit und politischer Erfolg zusammenhängen.

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          Seit 2002 misst ein Team um den Düsseldorfer Soziologen Ulrich Rosar die Attraktivitätswerte deutscher Bundestagskandidaten und vergleicht diese mit deren Wahlerfolgen. Die aktuelle Studie zur Bundestagswahl 2017 belegt nach Ansicht der Forscher einen „signifikanten und sehr substantiellen Zusammenhang“ zwischen der Attraktivität und dem Wahlerfolg eines Kandidaten – sowohl mit Blick auf die Erst- als auch auf die Zweitstimme. Die physische Attraktivität ist demnach die zweitwichtigste Personeneigenschaft der Kandidaten, lediglich der Bekanntheitsgrad der Spitzenpolitiker zeigt einen noch größeren Einfluss.

          Franca Wittenbrink
          Redakteurin in der Politik.

          Herr Rosar, über die Frage der Schönheit lässt sich streiten. Für Ihre Studie haben Sie insgesamt 24 Personen nach ihrer Meinung gefragt. Wie lassen sich daraus allgemeingültige Aussagen ableiten?

          Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Physische Schönheit ist der objektiven Messung durchaus zugänglich. Es gibt Studien, die zeigen, dass bereits ein dutzend Versuchspersonen völlig ausreichend sind, um repräsentative Aussagen zu treffen. Selbst mit 10.000 Personen würde man zu keinem anderen Ergebnis kommen.

          Was heißt denn „objektiv attraktiv“?

          Natürlich gibt es nicht die Schönheitsformel. Aber es gibt ein paar Merkmale, die grundsätzlich eine Rolle spielen: zum Beispiel Jugendlichkeit und Schlankheit, bei Männern außerdem eine überdurchschnittliche Körpergröße, markante Wangenknochen und volles Haar.

          Nicht unbedingt die Merkmale, die man Wolfgang Schäuble zuschreiben würde. Der Christdemokrat steht allerdings seit Jahren an der Spitze der beliebtesten Politiker in Deutschland.

          Politischer Erfolg gründet natürlich nicht ausschließlich auf Attraktivität. Für Wolfgang Schäuble ist es sicherlich von größerer Bedeutung, dass er sich über viele Jahre hinweg einen Namen in der Politik machen konnte. Die allgemeine Regel bringt eben immer auch Ausnahmen mit sich. Peter Altmaier beispielsweise entspricht ebenso wenig dem Mainstream-Idealtypus eines gutaussehenden Mannes. Aber er selbst thematisiert das sehr gezielt und offensiv – auch so was kann Bonuspunkte bei den Menschen bringen.

          Wenn man Ihrer Studie glaubt, ist den Wählern politische Kompetenz, Erfahrung oder Intelligenz im Vergleich zur Attraktivität von Politikern relativ gleichgültig.

          Verkürzt gesagt: ja. Das ist aber keine bewusste Entscheidung, sondern ein sehr subtiler Mechanismus, der als Attraktivitäts-Stereotyp beschrieben wird. Wir Menschen begehen alle den gleichen Fehler: Wenn ein Objekt, dem wir uns zuwenden, positive Eigenschaften in einer bestimmten Hinsicht aufweist, dann schließen wir daraus automatisch auf positive Eigenschaften in anderen Bereichen. Attraktive Menschen schätzen wir deshalb grundsätzlich als besonders intelligent, fleißig oder zielstrebig ein. Fälschlicherweise.

          „Schön ist gleich gut“, wäre damit die allgemeine Überzeugung. Unterschätzen Sie das Reflektionsvermögen der Wähler damit nicht ein wenig?

          Das glaube ich nicht. Die Leute haben ganz andere Alltagssorgen als das politische Geschehen. Die aktive Informationssuche und kritische Auseinandersetzung mit politischen Programmen, Parteien und einzelnen Kandidaten würde den zeitlichen Rahmen vieler Menschen sprengen. Außerdem wissen sie, dass eine persönliche „Fehlentscheidung“ bei der Wahl keine ernsthaften Konsequenzen nach sich ziehen würde. Es ist daher eine vollkommen rationale Entscheidung, den Aufwand möglichst gering zu halten.

          Andere Forscher kommen vor allem in Bezug auf Frauen zu gegensätzlichen Ergebnissen: Attraktive Frauen würden häufig als weniger kompetent eingeschätzt. Wie passt das zusammen?

          Diesen sogenannten „Beauty is beastly“-Effekt beziehen wir in unsere Studien regelmäßig mit ein. Bisher hat sich die These jedoch in keiner der Untersuchungen zum Wahlerfolg von Politikern bestätigt. Dazu muss man aber auch sagen: Wir haben in unseren Studien grundsätzlich sehr wenige Kandidatinnen – die Politik ist eben nach wie vor ein männlich dominiertes Geschäft.

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          Studie zum Zusammenhang zwischen Attraktivität und Wahlerfolg

          Für die Studie haben Ulrich Rosar und sein Team bundesweit alle relevanten Spitzenkandidaten untersucht – insgesamt waren das 1.779 Direktkandidaten der Parteien CDU/CSU, SPD, AfD, FDP, Grünen und Linken sowie sieben Erstplatzierte der Landeslisten, die nicht in den Wahlkreisen direkt antraten.

          Die physische Attraktivität der Politiker wurde dabei von jeweils zwölf weiblichen und zwölf männlichen Personen auf Basis von Porträtfotografien bewertet. Um den Einfluss der Attraktivität auf die erhaltenen Erst- und Zweitstimmenanteile zu messen, wurden mathematische Verfahren genutzt, die alternative Einflussfaktoren statistisch konstant hielten.

          Die vollständige Studie soll im Frühjahr erscheinen.

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