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Attentat auf Wolfgang Schäuble : Drei Schüsse, die alles verändern

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Mit großem Glück überlebt: Sechs Wochen nach dem Attentat vom 12. Oktober 1990 fährt Wolfgang Schäuble in der Rehabilitationsklinik Langensteinbach bei Karlsruhe im Rollstuhl zu einer Pressekonferenz Bild: dpa

Der 12. Oktober 1990 wird für Wolfgang Schäuble zum Schicksalstag. Ein geistig Verwirrter feuert bei einer Wahlkampfveranstaltung auf ihn, Schäuble überlebt nur knapp. Seitdem sitzt er im Rollstuhl - aufgegeben hat er deshalb aber nie.

          Nach diesem Abend vor 25 Jahren wird für Wolfgang Schäuble nichts mehr sein wie bisher. Es sind drei Schüsse, die das Leben von Wolfgang Schäuble unumkehrbar verändern. Am 12. Oktober 1990 wird der CDU-Politiker und damalige Bundesinnenminister Opfer eines Attentats. Nach einer Wahlkampfveranstaltung im badischen Oppenau feuert ein geistig verwirrter Mann aus nächster Nähe auf Schäuble. Es ist eine Tat, die bis heute nachwirkt. Schäuble ist seither querschnittsgelähmt und an den Rollstuhl gefesselt.

          „Ich spüre meine Beine nicht mehr.“ Der Satz des am Boden liegenden Ministers brennt sich jenen, die damals dabei waren, ins Gedächtnis ein. Schäubles älteste Tochter, die Sekunden nach den Schüssen den Raum betritt, ist sich zu diesem Zeitpunkt sicher, dass ihr Vater tot ist, wie sie später erzählt.

          Ein Routinetermin, der alles verändert

          Schäuble wird durch den Mordanschlag lebensgefährlich verletzt. Er überlebt. Heute ist er 73, Bundesfinanzminister und einer der mächtigsten Politiker Deutschlands. Das Attentat, wenige Tage nach der Deutschen Einheit, schreckt damals die Republik auf. Es ereignet sich im kleinen Schwarzwaldort Oppenau, Schäubles Heimat und Wahlkreis. Er lebt nur einige Kilometer entfernt.

          Blick auf den Tatort in Oppenau, der mit Stühlen von der Polizei abgesichert ist. An dieser Stelle wurde der damalige Innenminister durch drei Schüsse schwer verletzt Bilderstrecke

          „Der Auftritt von Wolfgang Schäuble in Oppenau war aus polizeilicher Sicht nichts Ungewöhnliches“, sagt ein Polizeibeamter, der an jenem Oktoberabend im Einsatz war. Termine in der Heimat waren für den damals 48 Jahre alten Politiker und sein Umfeld Routine. Schäuble ist in der Region aufgewachsen, sitzt seit 1972 für den ländlich geprägten Wahlkreis im Bundestag.

          Im „Gasthof Brauerei Bruder“ hält Schäuble an diesem Abend vor 250 bis 300 Zuhörern eine Wahlkampfrede, die Bundestagswahl naht. Danach bleibt er noch eine Weile. Zahlreiche Anwesende in dem kleinen Saal des Gasthauses sind dem damaligen Vertrauten von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) persönlich bekannt. Die Stimmung ist gut. Nur sechs Wochen zuvor hatte Schäuble den Vertrag zur Deutschen Einheit unterzeichnet - ein Höhepunkt seiner politischen Karriere, wie er später sagen wird. Der Badener Schäuble gilt als Architekt des Einheitsvertrags.

          „Wir waren total geschockt“

          Als Schäuble kurz nach 22 Uhr umringt von zahlreichen Menschen den Saal der Gaststätte verlässt, nähert sich ein damals 37 Jahre alter Mann, der bis dahin unauffällig im Publikum gesessen hatte. Am Ausgang zieht der geistig Verwirrte einen Revolver und feuert aus knapp einem halben Meter Entfernung drei Schüsse ab. Zwei davon treffen Schäuble in den Rücken und am Hals. Die dritte Kugel bohrt sich in den Körper eines Personenschützers, der sich vor den zu Boden sinkenden Schäuble wirft. Der 28 Jahre alte Beamte wird von einer Kugel getroffen und verletzt.

          „Wir waren total geschockt. Nach einem kurzen Moment brach ein wildes Durcheinander los“, erinnert sich ein früherer Mitarbeiter Schäubles, der damals dabei war. Schäuble verliert viel Blut und kurz nach der Tat das Bewusstsein. Lebensgefährlich verletzt wird er zunächst ins Kreiskrankenhaus Oberkirch und später mit dem Rettungshubschrauber in die Universitätsklinik Freiburg gebracht, wo Ärzte fünf Stunden um sein Leben ringen. Schnell wird klar, dass Schäuble nie wieder wird gehen können. Er ist vom dritten Brustwirbel abwärts gelähmt.

          Der Kanzler, der nach Freiburg an Schäubles Krankenbett eilt, zeigt sich geschockt über den Gesundheitszustand seines wichtigsten Ministers. Auch der damalige SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine, der knapp ein halbes Jahr zuvor bei einer Wahlkampfkundgebung einem Attentat zum Opfer fiel, kommt nach Freiburg und ist schockiert.

          „Als ich aus dem künstlichen Koma aufgewacht bin, war mir klar, dass ich gelähmt bin“, erinnerte sich Schäuble jüngst in einem Interview. „Warum habt Ihr mich nicht sterben lassen“, fragt er seine Tochter.

          Rückkehr ins Leben und die Politik - mit eiserner Disziplin

          Doch Schäuble gibt nicht auf. Mit eiserner Disziplin nimmt er nur wenige Monate nach dem Attentat im Rollstuhl seine Amtsgeschäfte wieder auf. Gesundheitlich zugute kommt ihm, dass er vergleichsweise jung und zudem sehr sportlich ist. Und er gilt als äußerst willensstark. „Er hat ziemlich früh sein Schicksal angenommen“, erinnert sich Ehefrau Ingeborg an die Tage im Krankenhaus: „Es war großartig zu sehen, wie er sich zurück ins Leben kämpft.“ Den Abschied aus der Politik, zu dem ihm die Familie rät, lehnt er ab.

          Den Sicherheitsbehörden bringen die Schüsse von Oppenau ein Umdenken. Bis dahin galt dem Personenschutz die terroristische Bedrohung als bedeutendste Gefahr für Politiker, vor allem wegen der mörderischen Rote Armee Fraktion (RAF) in den Jahren zuvor, hat die Historikerin Maren Richter ermittelt. Heute sind es psychisch kranke Einzeltäter,  so wie der Schäuble-Attentäter, die als Bedrohung gesehen werden.

          Schäubles Attentäter wird nach den Schüssen überwältigt und festgenommen, später von einem Gericht verurteilt und in eine geschlossene psychiatrische Anstalt eingewiesen. Die Waffe und die Patronen hatte er aus dem Waffenschrank seines Vaters, einem örtlichen Bürgermeister, entwendet.

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