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Anschlag auf Synagoge : Haftbefehl gegen Täter von Halle erlassen

  • Aktualisiert am

Am Donnerstag äußerte sich Generalbundesanwalt Peter Frank zur Tat von Halle. Bild: dpa

Der Generalbundesanwalt hat weitere Details zur Tat von Halle bekanntgegeben. Auch der Vater des Attentäters äußerte sich – und beschreibt Stephan B. als Eigenbrötler, der „nur online“ gewesen sei.

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          Im Auto des Täters von Halle sind nach Angaben von Generalbundesanwalt Peter Frank insgesamt vier Kilo Sprengstoff in zahlreichen Sprengvorrichtungen sichergestellt worden. Zudem habe er vier Schusswaffen mit sich geführt, darunter mindestens eine vollautomatische Waffe, teilte die Bundesanwaltschaft am Donnerstagabend in Karlsruhe mit. Stephan B. werde zweifacher Mord und versuchter Mord in neun Fällen vorgeworfen. „Was wir gestern erlebt haben, war Terror.“ Der Täter habe sich zum Ziel gesetzt, in der Synagoge ein Massaker anzurichten. „Der Beschuldigte wollte sich zu dem Gotteshaus Zutritt verschaffen und möglichst viele Personen jüdischen Glaubens töten“, hieß es.

          Derweil hat der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof Haftbefehl gegen Stephan B. erlassen. Das erklärte ein Sprecher des Bundesanwaltschaft am Donnerstagabend in Karlsruhe der Deutschen Presse-Agentur. Der Richter habe Untersuchungshaft angeordnet. Zuerst hatte der Südwestrundfunk darüber berichtet.

          Der Innenminister von Sachsen-Anhalt, Holger Stahlknecht (CDU), bestätigte die Echtheit des vom Täter in Halle verbreiteten Videos. Der 27 Jahre alte Deutsche hatte seine Angriffe mit einer Helmkamera gefilmt und die Aufnahmen ins Internet gestreamt.

          Die Polizei sei acht Minuten nach Eingang des Notrufs in der Rettungsleitstelle an der Synagoge gewesen, sagte Stahlknecht am Donnerstag in Halle. Um 12.03 Uhr sei der Notruf von der jüdischen Gemeinde abgesetzt worden, eine Minute später sei die Information von der Rettungsleitstelle an die Polizeiinspektion Halle weitergeleitet worden. Um 12.11 Uhr seien die Einsatzkräfte am Tatort eingetroffen. Der Täter war zu diesem Zeitpunkt laut Stahlknecht bereits auf dem Weg zum nahen Döner-Imbiss, wo er eine zweite Person erschoss.

          „Der Junge war nur online“

          Zwischen dem Angriff auf die Synagoge und der Festnahme des Täters lagen etwa anderthalb Stunden, in denen Stephan B. zwei Menschen ermordete und auf neun Personen schoss. Sein erstes Opfer war eine zufällige Passantin vor der Synagoge in Halle, eine 40 Jahre alte Frau. Ein Autofahrer, der an gleicher Stelle angehalten hatte, konnte entkommen, als der Täter auf ihn schießen wollte.  Als Stephan B. nicht in die Synagoge gelangte, fuhr er zu einem Döner-Imbiss, wo er einen Mann erschoss und auf zwei weitere feuerte, die sich jedoch im hinteren Teil des Ladens retten konnten. Beim Verlassen des Imbisses schoss der Täter auf einen weiteren Passanten, danach lieferte er sich mit zwei Polizisten einen Schusswechsel. Auf seiner weiteren Flucht nach Landsberg schoss er noch auf ein Ehepaar, bevor er schließlich festgenommen werden konnte.

          Zuvor hatte sich der Vater von Stephan B. erstmals geäußert. Sein Sohn sei ein Eigenbrötler gewesen sein, der oft vor dem Computer saß. Die „Bild“-Zeitung zitierte den Vater mit den Worten: „Er war weder mit sich noch mit der Welt im Reinen, gab immer allen anderen die Schuld.“ Der 27-Jährige habe nur wenige Freunde gehabt und stattdessen viel Zeit mit dem Internet verbracht. „Der Junge war nur online.“

          Dieses Standbild aus dem Video des Attentäters zeigt den explosiven Inhalt einer Tasche von ihm.

          Dem „Bild“-Bericht zufolge hatte Stephan B. nach dem Abitur zwei Semester Chemie studiert, das Studium aber wegen Krankheit abgebrochen. Einer Nachbarin zufolge soll er zuletzt als Rundfunktechniker gearbeitet haben. Der Vater berichtete, sein Sohn habe zwar bei der Bundeswehr gedient, dort aber keine Spezialausbildung durchlaufen.

          Bild aus einem Video, das den Attentäter zeigt

          Den Sicherheitsbehörden war der mutmaßliche Täter bislang wohl nicht als Rechtsextremist aufgefallen. Sein Vater beklagte in der „Bild“-Zeitung, dass er zuletzt nicht mehr an seinen Sohn „rangekommen“ sei. Es habe immer wieder Streit gegeben. Von dem Anschlag auf die Synagoge in Halle erfuhr der Vater nach eigenen Angaben erst aus den Nachrichten.

          Unterdessen sind die erschossenen Opfer identifiziert. Es handelt sich um eine 40 Jahre alte Frau aus Halle sowie einen 20 Jahre alten Mann aus Merseburg, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen erfuhr. Die Frau war am Mittwochmittag von dem schwer bewaffneten Täter vor der Synagoge erschossen worden, der Mann wenig später in einem nahen Dönerladen. Auf seiner Flucht hatte B. auch zwei Menschen verletzt. Bei ihnen soll es sich nach dpa-Informationen um ein Ehepaar handeln, das im 15 Kilometer entfernten Landsberg ein Geschäft betreibt. Die 40 Jahre alte Frau und der 41 Jahre alte Mann werden mit Schussverletzungen im Krankenhaus behandelt.

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