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Attacken an Humboldt-Uni : Unser Professor, der Rassist

  • -Aktualisiert am

Die Humboldt-Universität zu Berlin: Hier gerät alle paar Monate ein Professor ins Visier anonymer Kritiker. Bild: POP-EYE/Kempert

Anonyme Gruppen wollen Wissenschaftler an der Humboldt-Uni in Berlin einschüchtern. Sie streuen üble Gerüchte im Netz, schon mehrere Dozenten haben ihren Zorn abbekommen. Was bedeutet das für eine Uni?

          7 Min.

          Die Humboldt-Universität zu Berlin strebt aus guten Gründen an, nicht als Nazi-Hochburg zu gelten. Doch seit einiger Zeit werden Professoren, die dort lehren, als Rassisten, Faschisten und/oder Kolonialverbrecherverehrer entlarvt, jedenfalls nach Ansicht der Entlarver. Gerade erst geriet der bekannte Politikwissenschaftler Herfried Münkler in den schrecklichen Verdacht. Eine erstaunliche Häufung.

          Die Anklagen gegen die Professoren erscheinen anonym im Internet. Nicht beiläufig bei Facebook, sondern ausführlich, in offiziösem Ton, auf verschiedenen geeigneten Seiten. Für Münkler gibt es den Blog „Münklerwatch“. Von anderen Fällen liest man auf der Seite des AStA, der an der Humboldt-Uni „Referent_innenrat“ heißt. Auch auf einer Plattform, die „Inrur“ heißt und wie Wikipedia funktioniert, wird über Professoren Buch geführt. Name, Stichwörter wie „brauner Historiker, brauner Professor“ und Notizen dazu, wer auf ihn hört: „Liebling des Deutschlandfunk, allein 32 schriftliche Beiträge“. Die anonyme Kritik der vergangenen Monate wirkt. An der Humboldt-Universität hat man Angst.

          Nicht, weil dort wirklich Rassisten lehren würden. Journalisten stürzten sich fleißig auf die Vorwürfe und fanden jedes Mal nichts. Aber dass sie suchten, war schon genug. Wo Rauch ist, ist auch Feuer, heißt es. Was bedeutet die Angst für einen Ort, an dem junge Menschen das Denken lernen?

          Professor streicht beim Autorisieren vieles weg

          Ein Pressereferent der Humboldt-Uni erzählt am Telefon, was er darüber denkt. Er redet lange. Münkler ein Rassist – das hält er für Unfug. Der Pressereferent stammt aus Senegal. Er will sich aber nicht zitieren lassen, weil er nicht der Pressesprecher sei. Ein Professor, der im Netz ein Rassist genannt wurde, will lieber nichts sagen. Man habe ihm geraten, Journalistenfragen nur zu beantworten, wenn sie über die Pressestelle kommen.

          Ein anderer sagt etwas und streicht beim Autorisieren seiner Antworten wieder viel davon weg. Er habe sich mit seinen Mitarbeitern besprochen. „Besser, man weckt keine schlafenden Hunde“, schreibt er entschuldigend dazu. Komplett gestrichen hat er alle Sätze, die davon handeln, welche Konsequenzen er persönlich für seine Lehre gezogen hat. Münkler, heißt es aus der Pressestelle, wolle bis auf weiteres nichts mehr zu der Sache sagen.

          Die Angst ist so groß, weil die Angreifer sich jederzeit ein neues Ziel suchen können. Und weil man ihnen nicht entgegentreten kann. Nach den Maßstäben der Angreifer ist fast jeder Hochschullehrer in Deutschland ein Rassist; es ist ungefähr so, als erklärte ein Bäcker einen Apfel für ungenießbar, weil der nun mal kein Brot sei.

          Zum Beispiel: Der Präsident der Humboldt-Uni begrüßte 2013 den damaligen Verteidigungsminister Thomas de Maizière, CDU, zu einem Vortrag im Audimax. Dieser ist aber anonymen Beobachtern zufolge ein „Kriegsverherrlicher“, der Präsident also ein Kriegsverherrlicherbegrüßer. Der Präsident lehnte außerdem die Forderung ab, auch „Refugees“ an der Humboldt-Universität studieren zu lassen und die Hochschule umzubenennen (weil Humboldt „Kolonialrassist“ gewesen sei). Dies war zu lesen im „Bekenner*innenschreiben“ einer anonymen Gruppe. Die Bekenner*innen hatten ein Gemälde aus der Ahnengalerie der Universität geklaut, um damit den Präsidenten zu erpressen. Der Brief steht bis heute auf der Plattform „Indymedia“, englische Übersetzung inklusive. Linksextremisten nutzen die Plattform gern, zum Beispiel um Bombendrohungen und Mordaufrufe zu verbreiten.

          Kant verbreite rassistische Ansichten

          Ein Erziehungswissenschaftler der Humboldt-Universität wurde 2014 zum Rassisten gestempelt, weil er seine Studenten in der Vorlesung „Grundbegriffe und Theorien pädagogischen Handelns und Denkens“ Texte von Kant lesen ließ. Kant verbreitet nach Ansicht der Anonymen aus einer „eurozentristischen weißen Perspektive rassistische Ansichten“. Eine Beschwerde über den Professor wurde bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes eingereicht, eine „Pressemitteilung“ dazu auf die Seite des AStA gestellt.

          Unter Beschuss: der Politikwissenschaftler Herfried Münkler von der HU Berlin wird im Internet als Rassist beschimpft.

          Ein hoch anerkannter Geschichtsprofessor wurde Ende 2014 verdächtigt, er relativiere Hitler. Und ein Soziologie-Dozent las im Februar 2015 im offenen Brief „ein_er Zuhörer_in“ über sich, er fülle das Semester mit eurozentristischen Betrachtungen. Das klang vergleichsweise harmlos, es ging dann auch viel um Geschlechter. „Du hältst nichts von Konzepten, mit unserer Sprache verschiedenste Gender zu berücksichtigen.“ Der Text erschien auf dem Blog, das jetzt Münklers Vorlesungen verfolgt. „Münklerwatch“ ist eine neue Stufe der Kontrolle: jede Woche ein neuer Eintrag.

          Die Blogger kommentieren frei gewählte Versatzstücke der Vorlesung, ihre Leitfrage ist „Rassismus, Sexismus, Militarismus?“. Die Vorlesung richtet sich an eingeschriebene Studenten, im Hörsaal finden maximal 400 Platz. Sie kennen die Zusammenhänge, in denen der Professor etwas sagt. Eine Vorlesung braucht zwei Stunden, ein Shitstorm zwei Sätze. Die namenlosen Blogger klauben zusammen, was sie gerade brauchen können. Münklers Angebot, mit ihnen auf einem Podium zu diskutieren, schlugen sie aus.

          Eigentlich geht es um Macht

          Alle Fälle haben gemeinsam, dass die Kritiker Inhalte simulieren. Angeblich geht es um etwas, das man an der Uni „Sprachhandeln“ nennt. Jemand wird Rassist genannt, weil er in historischen Texten das N-Wort („Neger“, nun steht es da) mitliest und nicht so tut, als stünde es gar nicht da. Oder Sexist, weil er nicht „Student*innen“ schreibt. Aber eigentlich geht es um Macht.

          Die Professoren bekommen Gesinnungsnoten von Studenten oder jenen, die sich dafür ausgeben. Das soll die Machtverhältnisse erschüttern. Jetzt schreiben große Zeitungen nicht nur über den großen Münkler, sondern auch über kleine Anonyme. „Münklerwatch“ sammelt Zeitungsartikel über sich im Blog, eifrig wie ein General, der sich Orden um Orden an die Brust heftet.

          Andere Professoren der Humboldt-Uni verfolgen den Fall Münkler genau. Einer von ihnen ist Malte Brinkmann, der Erziehungswissenschaftler, der wegen Kant ins Visier geriet. In seiner Vorlesung musste am Ende sogar die Polizei anrücken. Ein Student hatte sie gerufen, weil etwa 15 andere den Professor durch lautstarkes Schreien und Klatschen davon abhalten wollten, die letzte Sitzung vor der Klausur durchzuführen. Zuvor war es auf der Lernplattform der Uni schon monatelang hoch hergegangen, nun verlagerten sich die Gefechte in den Hörsaal. Und danach wieder zurück ins Internet.

          Brinkmann sagt: „Durch die Aktionen im Netz werden die Angriffe zum Selbstläufer. Als Professor hat man keinen Einfluss mehr darauf.“ Die Universität setze das Ethos des Dialogs voraus. „Aber bestimmte Verhaltensweisen, die bisher sozial anerkannt waren, werden von diesen Studierenden außer Kraft gesetzt.“ Der Professor sieht Universitäten „da nicht gerade in einer Position der Stärke“. Er klingt vollkommen ratlos.

          Historiker Jörg Baberowski nennt die Uni „feige“

          Ein Kollege von Brinkmann ist in heller Wut. Nämlich jener, den die Anonymen einen „braunen Professor“ nennen und einen Hitler-Relativierer. Es ist der Historiker Jörg Baberowski, Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie „Sachbuch/Essayistik“ 2012, Lehrstuhl an der Humboldt-Universität seit mehr als zwölf Jahren. Zitate autorisieren ist ihm egal, will er nicht. Baberowski hat keine Lust, vorsichtig zu sein und jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. „Genau das wollen die doch“, sagt er, gemeint sind die namenlosen Kritiker. Er will „laut und deutlich nein sagen“. Lauter und deutlicher als andere.

          Opfer einer Kampagne: Der Historiker Jörg Baberowski.

          Baberowski ist, so sagt er, entsetzt über die Pressestelle und die Universitätsleitung, weil sie den Ball flach halten wollten. „Feige“ nennt er sie. „Die denken nur an sich.“ An den Ruf der Uni, an negative Schlagzeilen, nicht an die Lage der Professoren. Das habe er dem Präsidenten auch schon selbst gesagt. Baberowski hat erlebt, dass ihn jüdische Wissenschaftler aus Amerika anschrieben und fragten, was es mit den Sachen im Netz auf sich habe. Ihr deutscher Kollege, ein Hitler-Verharmloser? Als der Professor sich googelte, fand er die Texte der Trotzkisten, die ihn verfolgten, unter den ersten Treffern.

          Baberowski und sein Kollege Brinkmann kommen am Telefon ungefragt auf ihre Studenten zu sprechen. Die seien also folgendermaßen: sehr angenehm, fleißig, fair, kritisch, engagiert. Baberowski betont noch: sehr höflich. Die Professoren sind sich einig, dass die Anonymen eine winzige Minderheit sind. Mit überproportionaler Publicity. Das ist ein typisches Berlin-Phänomen. Und es ist dann auch kein Zufall, dass es Professoren einer Berliner Hochschule sind, die derart angegriffen werden. An anderen Hochschulen passiert das kaum, und wenn doch, dann weniger krass.

          Berlin ist der Ort in Deutschland, an dem es zum guten Ton gehört, extrem zu sein. Viele Berliner leben natürlich auch brav vor sich hin, lassen sich tätowieren und halten das für extrem. Andere gehen 30 Stunden lang in den Club und kotzen danach in die Bahn. Wieder andere studieren, nur zum Beispiel, Gender Studies an der Humboldt-Universität und lernen bei Lann Hornscheidt. Hornscheidt lässt sich Professx nennen. Alle anderen Anreden sollen die Studenten vermeiden, etwa „Professor“ oder „Professorin“. Auf einer Internetseite, die Hornscheidt im Impressum führt, finden sich Vorschläge für „Interventionen“ gegen Sexismus und Rassismus. Eine Idee sind Treffen, um zu überlegen, wie man „kollektiv stören kann“, um „öffentliche Vorlesungen zu verhindern“. Andere Ideen sind Seiten aus Büchern herausreißen, Kaugummis auf Stühle von „sexistischen Mackertypen“ kleben und „Blogartikel veröffentlichen“.

          Wer steckt hinter den Internetseiten?

          Hornscheidt gibt die Internetseite in Seminaren als Literaturempfehlung an. Manche an der Universität glauben, dass Studenten der Gender Studies an den anonymen Aktionen beteiligt sind. Zum Beispiel in Brinkmanns Vorlesung. Studenten wollen einige von ihnen erkannt haben unter denen, die klatschten und schrieen, bis die Polizei kam. Manche Professoren glauben, dass es wieder Leute aus diesem Umfeld sind, die jetzt „Münklerwatch“ betreiben. Andere vermuten, dass es die Trotzkisten-Jugend ist.

          Brinkmann und Baberowski haben beide den Eindruck, dass an bestimmten Aktionen Leute „von außen“ teilnehmen, die gar keine Studenten sind. Baberowski meint zum Beispiel „Altkader von extremistischen Parteien“, die in seinen Veranstaltungen auftraten, Leute über 50. Wer später anonym im Internet darüber schreibt, kann sich Student nennen oder Einhorn, überprüfen kann es niemand. Das ist ja das Schöne daran.

          Aber ganz egal, wer es ist: Er kann hoffen, dass es in Deutschland so weitergeht wie in Amerika. Dort werden Professoren schon länger auf diese Art bedrängt. Vor ein paar Wochen erst beschrieb ein langer Artikel der „New York Times“ verschiedene Fälle: Gemeinsam war ihnen, dass anerkannte Wissenschaftler daran gehindert werden sollten, aufzutreten oder über Themen zu sprechen, bei denen Studenten ihnen die Kompetenz absprachen (zum Beispiel Abtreibung). Eine Studentengruppe am Hampshire College lud sogar eine Afrofunk-Band wieder aus, nachdem die im Internet dafür angegriffen worden war, dass zu viele Weiße in der Band spielten. Die Studenten sagten, sie fühlten sich „unsicher“ durch die hasserfüllte Netzdebatte, darum solle die Band nicht spielen.

          Die Einschüchterung funktioniert, in Amerika und in Berlin. Sie ist eine alte Waffe, doch im Internet trifft sie so gefährlich wie nie.

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