https://www.faz.net/-gpf-83eu6

Attacken an Humboldt-Uni : Unser Professor, der Rassist

  • -Aktualisiert am
Unter Beschuss: der Politikwissenschaftler Herfried Münkler von der HU Berlin wird im Internet als Rassist beschimpft.
Unter Beschuss: der Politikwissenschaftler Herfried Münkler von der HU Berlin wird im Internet als Rassist beschimpft. : Bild: Imago

Ein hoch anerkannter Geschichtsprofessor wurde Ende 2014 verdächtigt, er relativiere Hitler. Und ein Soziologie-Dozent las im Februar 2015 im offenen Brief „ein_er Zuhörer_in“ über sich, er fülle das Semester mit eurozentristischen Betrachtungen. Das klang vergleichsweise harmlos, es ging dann auch viel um Geschlechter. „Du hältst nichts von Konzepten, mit unserer Sprache verschiedenste Gender zu berücksichtigen.“ Der Text erschien auf dem Blog, das jetzt Münklers Vorlesungen verfolgt. „Münklerwatch“ ist eine neue Stufe der Kontrolle: jede Woche ein neuer Eintrag.

Die Blogger kommentieren frei gewählte Versatzstücke der Vorlesung, ihre Leitfrage ist „Rassismus, Sexismus, Militarismus?“. Die Vorlesung richtet sich an eingeschriebene Studenten, im Hörsaal finden maximal 400 Platz. Sie kennen die Zusammenhänge, in denen der Professor etwas sagt. Eine Vorlesung braucht zwei Stunden, ein Shitstorm zwei Sätze. Die namenlosen Blogger klauben zusammen, was sie gerade brauchen können. Münklers Angebot, mit ihnen auf einem Podium zu diskutieren, schlugen sie aus.

Eigentlich geht es um Macht

Alle Fälle haben gemeinsam, dass die Kritiker Inhalte simulieren. Angeblich geht es um etwas, das man an der Uni „Sprachhandeln“ nennt. Jemand wird Rassist genannt, weil er in historischen Texten das N-Wort („Neger“, nun steht es da) mitliest und nicht so tut, als stünde es gar nicht da. Oder Sexist, weil er nicht „Student*innen“ schreibt. Aber eigentlich geht es um Macht.

Die Professoren bekommen Gesinnungsnoten von Studenten oder jenen, die sich dafür ausgeben. Das soll die Machtverhältnisse erschüttern. Jetzt schreiben große Zeitungen nicht nur über den großen Münkler, sondern auch über kleine Anonyme. „Münklerwatch“ sammelt Zeitungsartikel über sich im Blog, eifrig wie ein General, der sich Orden um Orden an die Brust heftet.

Andere Professoren der Humboldt-Uni verfolgen den Fall Münkler genau. Einer von ihnen ist Malte Brinkmann, der Erziehungswissenschaftler, der wegen Kant ins Visier geriet. In seiner Vorlesung musste am Ende sogar die Polizei anrücken. Ein Student hatte sie gerufen, weil etwa 15 andere den Professor durch lautstarkes Schreien und Klatschen davon abhalten wollten, die letzte Sitzung vor der Klausur durchzuführen. Zuvor war es auf der Lernplattform der Uni schon monatelang hoch hergegangen, nun verlagerten sich die Gefechte in den Hörsaal. Und danach wieder zurück ins Internet.

Brinkmann sagt: „Durch die Aktionen im Netz werden die Angriffe zum Selbstläufer. Als Professor hat man keinen Einfluss mehr darauf.“ Die Universität setze das Ethos des Dialogs voraus. „Aber bestimmte Verhaltensweisen, die bisher sozial anerkannt waren, werden von diesen Studierenden außer Kraft gesetzt.“ Der Professor sieht Universitäten „da nicht gerade in einer Position der Stärke“. Er klingt vollkommen ratlos.

Historiker Jörg Baberowski nennt die Uni „feige“

Ein Kollege von Brinkmann ist in heller Wut. Nämlich jener, den die Anonymen einen „braunen Professor“ nennen und einen Hitler-Relativierer. Es ist der Historiker Jörg Baberowski, Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie „Sachbuch/Essayistik“ 2012, Lehrstuhl an der Humboldt-Universität seit mehr als zwölf Jahren. Zitate autorisieren ist ihm egal, will er nicht. Baberowski hat keine Lust, vorsichtig zu sein und jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. „Genau das wollen die doch“, sagt er, gemeint sind die namenlosen Kritiker. Er will „laut und deutlich nein sagen“. Lauter und deutlicher als andere.

Opfer einer Kampagne: Der Historiker Jörg Baberowski.
Opfer einer Kampagne: Der Historiker Jörg Baberowski. : Bild: Helmut Fricke

Baberowski ist, so sagt er, entsetzt über die Pressestelle und die Universitätsleitung, weil sie den Ball flach halten wollten. „Feige“ nennt er sie. „Die denken nur an sich.“ An den Ruf der Uni, an negative Schlagzeilen, nicht an die Lage der Professoren. Das habe er dem Präsidenten auch schon selbst gesagt. Baberowski hat erlebt, dass ihn jüdische Wissenschaftler aus Amerika anschrieben und fragten, was es mit den Sachen im Netz auf sich habe. Ihr deutscher Kollege, ein Hitler-Verharmloser? Als der Professor sich googelte, fand er die Texte der Trotzkisten, die ihn verfolgten, unter den ersten Treffern.

Weitere Themen

SPD stellt Wahlprogramm vor Video-Seite öffnen

Auf Fortschritt ausgerichtet : SPD stellt Wahlprogramm vor

In ihrem Programm zur Bundestagswahl fordert die SPD von allem ein bisschen mehr - das gilt für Steuern und Investitionen ebenso wie für den Sozialstaat und den Mindestlohn.

Topmeldungen

Die mobilen Impfteams bleiben zusätzlich zu den Impfzentren im Einsatz.

Coronaviurs : Warum Impfstoffe horten viele Menschenleben kostet

Die Debatte um den Impfstoff des Herstellers Astra-Zeneca sorgt für eine langsamere Verimpfung. Eine Studie verdeutlicht nun, wie wichtig es ist, auch weniger wirksame Impfstoffe schnellstmöglich zu verimpfen.
Auch 2021? Deutsche Urlauber am Strand von Mallorca

Reisebeschränkungen : Chance auf Mallorca-Sommerurlaub steigt

Auflagen und Verbote machen aktuell Auslandsreisen schwer bis unmöglich. Die Balearen-Insel und andere Ziele zeigen sich aber für den Sommer offen für Geimpfte und Getestete. Briten buchen schon.
SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz (Mitte) mit den beiden Parteivorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans

Wahlkampfprogramm : Die SPD tut so, als sei nichts gewesen

Die SPD will mit ihrem Regierungsprogramm in der Zeit „nach Corona“ dort weitermachen, wo sie 2019 mit dem „neuen Sozialstaat“ stehengeblieben ist. Das reicht hinten und vorne nicht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.