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Jasper von Altenbockum (kum.)

Genialer Gedanke der Grünen : Ist die Kernkraft schuld, dass wir Kernkraft brauchen?

Bald im Streckbetrieb? Das Kernkraftwerk Isar 2 in Essenbach Bild: dpa

Die Grünen bereiten sich darauf vor, dass am „Streckbetrieb“ für die Kernkraftwerke kein Weg vorbeiführt. Aber die Begründung ist abenteuerlich: Frankreich hat es verbockt.

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          Strecken oder verlängern? Was nach Wortklauberei aussieht, hat einen ernsten Hintergrund. Ein „Streckbetrieb“ der drei noch aktiven deutschen Kernkraftwerke ist zwar, genau genommen, eine Verlängerung der Laufzeit, dauert aber nur kurz, dann ist technisch der Ofen aus. Eine „echte“ Laufzeitverlängerung bedeutet, dass alte durch neue Brennstäbe ersetzt werden.

          Grüne und SPD machen den Unterschied größer, als er ist, weil sie fürchten müssen, dass die Veteranen der Anti-Atom-Bewegung auf die Barrikaden gehen, wenn der zweite „Stresstest“ anders ausfällt als der erste, also pro Weiterbetrieb. Vorsorglich gilt die Sprachregelung: Streckbetrieb zur Not, Laufzeitverlängerung auf keinen Fall.

          Rosinenpickerei in Europa

          Angesichts der EU-Bestrebungen, den Gasnotstand durch eine Solidaritätsgemeinschaft zu lindern, ist es allerdings abenteuerlich, wie nun dieser Streckbetrieb von grüner Seite begründet wird: Frankreich ist das Problem! Die Hitze verhindere, dass dort die Kernkraftwerke gekühlt werden könnten. Deutschland müsse zur Hilfe eilen und Strom exportieren. So erklärte es Katrin Göring-Eckardt am Sonntagabend in der ARD. Auch aus dem Wirtschaftsministerium hieß es nun, die Lage müsse wegen Frankreich neu bewertet werden.

          Wahr ist: Die Kühlprobleme fallen kaum ins Gewicht, wohl aber Sicherheitsprobleme in mehreren französischen Kernkraftwerken, die ausgerechnet auftreten in Zeiten routinemäßiger Wartung in zahlreichen anderen Kernkraftwerken. Deutschland muss dankbar dafür sein, dass Frankreich seine Kernkraftwerke flotthält, weil es regelmäßig - besonders im Winter, wenn der Wind nicht weht, die Sonne nicht scheint - Frankreichs Atomstrom anzapft.

          Das alles hätte schon der erste „Stresstest“ im Frühjahr zum guten Teil wissen können. Was sich seither geändert hat: Deutschland kann in der EU im Falle von Gas- und Stromknappheit nicht Solidarität einfordern, wenn es selbst Rosinenpickerei betreibt – oder, wie die Grünen, die Fehler immer nur bei anderen sucht.

          Jasper von Altenbockum
          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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