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Flüchtlingsunterkünfte : Mit Klagen und Drohungen gegen Asylbewerberheime

Proteste gegen ein geplantes Flüchtlingsheim Mitte November in Berlin-Köpenick Bild: dpa

Mit Drohungen und Hakenkreuzschmierereien haben Gegner ein Flüchtlingsheim in Dresden verhindert. Mehr und weniger friedliche Initiativen gegen geplante Flüchtlingsunterkünfte gibt es auch in anderen Orten.

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          Nachdem es im Dresdner Stadtteil Laubegast zu Drohungen und Protesten gegen eine geplante Asylbewerberunterkunft gekommen ist, will die Stadt nun versuchen, stattdessen mehr Asylbewerber in dezentralen Wohnungen unterzubringen. Bis Ende 2016 sollen neben zwölf neuen Übergangswohnheimen 220 zusätzliche Wohnungen in Dresden angemietet werden, teilte die Stadt mit. Gegner des Asylbewerberheims hatten in den vergangenen Tagen Handzettel mit dem Slogan „Nein zum Heim“ in die Briefkästen Laubegaster Wohnungen geworfen. Das Hotel, das für die Flüchtlinge angemietet werden sollte, war mit asylkritischen Schmierereien übersät worden; auch soll es in sozialen Netzwerken Drohungen gegen den Besitzer des Hauses gegeben haben. Er zog daraufhin sein Vermietungsangebot zurück.

          Susanne Kusicke

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          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Es ist damit der zweite bekannte Fall in jüngerer Zeit, in dem mit Gewalt oder deren Androhung eine Flüchtlingsunterkunft verhindert worden ist. Vor einem Monat hatte es im mittelfränkischen Vorra einen Brandanschlag auf einen als Flüchtlingsunterkunft umgebauten Gasthof, eine Scheune und ein frisch renoviertes Wohnhaus gegeben. Auf ein Nebengebäude waren Hakenkreuze gesprüht worden. Eine 30-köpfige Sonderkommission versucht seitdem, das Verbrechen aufzuklären, aber noch immer gibt es keine konkreten Hinweise auf den oder die Täter.

          Entsetzen und Empörung: Brandanschlag im Dezember in Vorra bei Nürnberg
          Entsetzen und Empörung: Brandanschlag im Dezember in Vorra bei Nürnberg : Bild: Agentur ToMa

          Proteste in Hamburg und Berlin

          Etwas anders gingen Proteste in Bostelbek im Hamburger Süden aus: Hier wollte die Stadt auf einer Freifläche Wohncontainer für 216 Asylbewerber aufstellen. Die Anwohner wurden darüber nicht informiert. Sie erfuhren erst davon, als schon die ersten Bäume für das Projekt gefällt wurden. Daraufhin gründete sich im August vergangenen Jahres die Bürgerinitiative Bostelbek (BIB). Sie trat aber nicht gegen Flüchtlingsunterkünfte an sich ein, sondern nur gegen die Größe des Vorhabens und die mangelnde Information durch den Senat. Die Bezirksversammlung in Harburg und die Bürgerinitiative verlangten eine Begrenzung auf 100 Plätze. Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) kam schließlich selbst nach Bostelbek, um einen Kompromiss zu finden. Und das gelang: Auf der „Pferdewiese“ in Bostelbek werden nun statt der zehn geplanten Wohncontainer nur acht aufgestellt. Sie bieten Platz für 175 Personen.

          Auch im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen demonstrieren seit vergangener Woche Anwohner und Interessierte gegen die kurzfristige Unterbringung von rund 100 Flüchtlingen in einer Turnhalle. Allerdings war auch die Zahl der Demonstranten bisher kaum größer. Das berichtete die „tageszeitung“ am Montag. In Hohenschönhausen sorgt für Empörung, dass dafür ein Kitaprojekt des Fußballvereins BFC Dynamo in eine andere Turnhalle umziehen musste. Die Linkspartei kritisiert dagegen die mangelhaften sanitären Anlagen. Beides trägt derzeit nicht zur guten Stimmung in dem Stadtteil bei. Auch in den östlichen Berliner Stadtteilen Marzahn, Köpenick, Hellersdorf, Buch und in Falkenberg an der Stadtgrenze machten sich einige Leute gegen ein geplantes Containerdorf stark, berichtete vor kurzem der „Tagesspiegel“.

          Unterbringung auf KZ-Gelände?

          In Schwerte bei Dortmund gibt es aus anderen Gründen Einwände gegen die Unterbringung von Flüchtlingen. Dort will die Stadt Flüchtlinge in einer Baracke auf dem Gelände der ehemaligen Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald einquartieren. Der Flüchtlingsrat NRW kritisiert, an einem historisch belasteten Ort, wo Menschen unter schlimmsten Bedingungen gefangen gehalten wurden, dürfe man Hilfesuchende aus Krisen- und Kriegsgebieten nicht unterbringen.

          Im KZ „Schwerte Ost“ waren in der Zeit des Nationalsozialismus 700 polnische Zwangsarbeiter eingepfercht gewesen. Als Flüchtlingsunterkünfte will die Stadt allerdings nicht die Zwangsarbeiter-Baracken, sondern die Baracke der früheren SS-Aufseher nutzen. Sie waren in der Vergangenheit schon als Lagerhalle, Kindergarten und Künstler-Ateliers genutzt worden. Auch Flüchtlinge hatte die Stadt schon einmal in dem Gebäude untergebracht. Trotz Kritik bleibt die Verwaltung bei ihren Plänen, kommende Woche die ersten Flüchtlinge auf dem früheren KZ-Gelände einzuquartieren. Es sei derzeit keine Alternative vorhanden, heißt es.

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