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Asylbewerber Oury Jalloh : Das Schweigekartell der Polizei

  • -Aktualisiert am

Demonstranten wenden sich im September 2006 gegen die schleppende Aufklärung des Todesfalls Bild: dpa

Schlampige Ermittlungen, Nachlässigkeiten und Vertuschungsversuche ließen den Bundesgerichtshof den Freispruch eines Polizisten in Dessau aufheben. Der Fall des verbrannten Asylbewerbers Oury Jalloh hat einiges verändert - nur die Polizei hat nicht allzu viel gelernt.

          In Dessau im Osten Sachsen-Anhalts verbrannte vor genau fünf Jahren, am 7. Januar 2005, der Asylbewerber Oury Jalloh in Polizeihaft - festgeschnallt auf einer Matratze. Die Demonstration zu seinen Ehren am Donnerstagnachmittag, zu der einige Teilnehmer eigens im Bus aus Berlin anreisten, wurde beflügelt durch das Urteil des Bundesgerichtshofs vom Morgen, das den Freispruch eines Dienstgruppenleiters der Polizei aufhob und den „Fall Jalloh“ zur Neuverhandlung nach Magdeburg verwies.

          Das Karlsruher Urteil wurde nur möglich, weil Freunde Jallohs und Bürgergruppen immer wieder das Verhalten der Polizei öffentlich kritisiert hatten. Die Geschichte war voller Widersprüche und Pannen - und wohl auch geprägt von bewusster Einflussnahme, um die Ereignisse, die zum Tod Jallohs führten, zu vertuschen. So wies erst eine zweite Obduktion auf Zeichen von Verletzungen oder Misshandlungen, einen Nasenbeinbruch und ein verletztes Trommelfell.

          „Unstrittige Defizite“

          Das Landgericht Dessau-Roßlau lehnte zunächst ein Verfahren ab. Erst nach öffentlichem Druck und weiteren Gutachten begann gut zwei Jahre nach dem Tod Jallohs der Prozess gegen zwei Polizisten. Einer der beiden, der bei der Durchsuchung Jallohs laut Anklage das Feuerzeug übersehen hatte, mit dem die Matratze entzündet worden war, musste sich wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassung verantworten - ein Vorwurf, der sich als unhaltbar erwies. Doch auch der Dienstgruppenleiter, der die Verantwortung über den Gewahrsamsbereich hatte und sich wegen Körperverletzung im Amt mit Todesfolge verantworten musste, wurde im Dezember 2008 freigesprochen - die Beweislage schien zu schwer aufzuklären.

          Gedenken an Oury Jalloh

          Zahlreiche Polizisten mauerten bei Zeugenaussagen oder widerriefen frühere Aussagen, so etwa eine Polizistin, die - angeblich unter Druck - zunächst einem der Angeklagten, ihrem Vorgesetzten, Nachlässigkeiten vorgeworfen hatte. Der Vorsitzende Richter sagte in seiner Urteilsbegründung, was die Polizei bei ihren schlampigen Ermittlungen und vor Gericht bot, habe mit Rechtsstaatlichkeit nichts mehr zu tun; deshalb habe er den Prozess für gescheitert erklären müssen. Selbst die Polizeigewerkschaft sprach von „unstrittigen Defiziten“ und forderte von Polizisten den Mut, auch gegen ihre Kollegen auszusagen.

          Vertuschungsversuche auf vielen Ebenen

          Vor gut fünf Jahren kannten nur einige seiner afrikanischen Freunde den rastalockigen Asylbewerber Oury Jalloh aus Sierra Leone - sie schildern ihn als freundlich, unter Alkoholeinfluss indes auch mal jähzornig - und die Polizei; er war ihr wegen Rauschgiftdelikten aufgefallen. Bei seiner Festnahme und bei der ärztlichen Untersuchung, das belegen aufgezeichnete Telefongespräche, ging sie rabiat vor. Sie warf ihm vor, er habe Reinigungsfrauen „sexuell belästigt“. Jalloh aber, das bestätigten die Frauen, hatte nur gebeten, deren Mobiltelefon nutzen zu dürfen. Weil er keinen Ausweis hatte, wurde er - obwohl er fast drei Promille Alkohol im Blut hatte - in eine Zelle gesperrt und an ein Bett gefesselt. Wie es ihm gelang, seine „feuerfeste“ Matratze mit dem Feuerzeug, das er nicht hätte haben dürfen, anzuzünden, blieb ungeklärt wie manches andere. Gesichert ist dank Überwachungskameras, dass es sich nicht um eine gezielte Tötung handelte - wohl aber um grobe Nachlässigkeiten, herablassendes Verhalten und um Vertuschungsversuche auf vielen Ebenen.

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