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Asylbewerber in Perba : Als niemand sich kümmerte

Im Dorf der Pegida-Freunde: Flüchtlinge spielen Fußball vor ihrer Unterkunft in Perba. Bild: Robert Gommlich

Erst protestierten die Bewohner des sächsischen Örtchens Perba gegen die Ansiedlung von Asylbewerbern. Als sie aber deren Leid mit eigenen Augen sehen, ändern sie ihre Meinung und helfen, wo sie können.

          7 Min.

          Der Wohnblock liegt am Ende einer schicken Eigenheimsiedlung, drei Eingänge, 20 Wohnungen. Ganz oben links toben Kinder um den Tisch, sie haben ein paar Mickey-Maus-Hefte in der Hand als Belohnung für gutes Mitmachen im Unterricht. Martin, der kleine Iraner, kann schon bis 20 zählen, sein Freund „Big Man“ aus dem Kosovo schafft es sogar bis 30 und ist sehr stolz darauf. Rosemarie Beck hat ihnen das Zählen beigebracht und die Hefte geschenkt, seit Februar gibt die Berufsschullehrerin hier einmal in der Woche anderthalb Stunden Deutschunterricht für Asylbewerber, ehrenamtlich.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          „Ich habe auch Flüchtlingswurzeln“, sagt Beck. Ihre Großeltern flohen mit den Kindern aus Schlesien, und die Oma habe oft erzählt, wie Nachbarn ihr in der neuen Heimat eine warme Mahlzeit brachten, die erste seit Wochen. Ums Essen geht es jetzt auch im Unterricht mit den Erwachsenen. Beck hat Werbeprospekte mitgebracht. „Wie heißt das?“, fragt sie und zeigt auf Karotten. „Möhren“, antworten die Frauen und Männer. „Richtig“, sagt Beck. Weiter geht es mit Orangen, Kohlrabi, Hähnchen und Rind, vor allem aber „kein Schwein“. Einige der Männer, Muslime, hatten neulich „Chicken“ im Laden verlangt, woraufhin sie Schinken bekamen. „Kein Schwein“, wiederholt Beck. „Kein Schwein“, sagen die Männer.

          Rosemarie Beck ist eine schlanke, pragmatische Frau ohne sozialromantische Ader. Sie wohnt im Nachbarort, ihre Kinder sind aus dem Haus, sie habe Zeit und keine Berührungsängste, sagt sie. Als die Wogen in Perba um die Jahreswende hoch schlugen, beschloss sie, etwas zu tun. „Die Leute müssen irgendwie beschäftigt werden. Und Deutsch brauchen sie alle.“ Dabei sei auch sie anfangs skeptisch über die Pläne des Landratsamtes und verärgert über den Aufruhr gewesen. Der ging los, als sich Ende November das Gerücht verbreitete, fünfzig junge, alleinstehende Asylbewerber würden schon Anfang Dezember in Perba einziehen. Fünfzig Asylbewerber in einem Dorf mit 150 Einwohnern, aber ohne Laden, ohne Schule, ohne Arzt und ohne Kneipe.

          „Die sind ja wohl verrückt, hab’ ich gedacht“, sagt Beck. „Das kann auf keinen Fall gut gehen.“ Damals stieg die Flüchtlingszahl erstmals rasant und überforderte die Kapazität vieler Kommunen. Der Landkreis Meißen, zu dem Perba gehört, suchte händeringend nach Unterkünften und griff zu, als der Eigentümer den Wohnblock zur Miete anbot. Die Anwohner informierte niemand. Früher wohnten hier Mitarbeiter einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, jetzt standen fast alle Wohnungen leer, unsaniert zwar, aber intakt, DDR-Plattenbaustandard mit winzigem Bad und Küche sowie Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer.

          Es war zu dieser Zeit, als Joachim Möhler sich der Sache annahm. Er wohnte gegenüber der geplanten Unterkunft, und er hatte auch den Buschfunk mitbekommen. Möhler ist ein bodenständiger Typ, Maschinenbauingenieur, und er hat die Dinge gern konkret. Bei der Stadtratssitzung aber sagten Stadträte und Bürgermeister, sie wüssten nichts Genaues. Ein Vertreter des Landrats, der die Entscheidung traf, war nicht da. Die Einwohner fühlten sich übergangen, schnell schossen vor allem negative Gerüchte ins Kraut, plötzlich war von hundert Asylbewerbern, jungen, alleinstehenden Männern, die Rede. „Wo viele Alleinstehende auf einem Haufen sind, gibt’s Probleme“, sagt Möhler. Das sei eine Erfahrung aus DDR-Zeiten. Massenschlägereien habe es da gegeben mit Ungarn, Kubanern, Angolanern, die aus „Bruderländern“ als Vertragsarbeiter kamen und denen nach Arbeitsschluss in ihren Wohnheimen die Decke auf den Kopf fiel. Anders als im Westen, wo die Gastarbeiter häufig Familienväter waren, kamen in die DDR junge Männer, vielfach ohne Ausbildung. „Da hat’s oft geknallt“, sagt Möhler. „Die Angst war jetzt wieder da.“ Auch vor Auseinandersetzungen mit Rechtsextremen.

          Von der Landesregierung kam keine Antwort

          Die Perbaer forderten eine Einwohnerversammlung, sie sagten, sie lebten nicht hinterm Mond, sie würden auch helfen, am liebsten Familien, aber sie wollten jetzt wissen, wer kommt und wie viele. Der Saal war brechend voll, Landrat, Bürgermeister, Polizei und Diakonie, die das Heim betreibt, redeten, aber die Wut war so groß, dass sie mit ihren Argumenten nicht mehr durchdrangen. Auch sie wussten nicht definitiv, wer kommen würde. Es wurde viel geschrien und kaum noch zugehört, es war ein Desaster.

          Möhler und seine Mitstreiter schrieben dann an die „große Politik“: Briefe an Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich, an Bundesinnenminister Thomas de Maizière, an den CDU-Kreisvorsitzenden, an die CDU-Fraktion im Landtag und an ihre Wahlkreisabgeordneten, ebenfalls alle CDU. Doch die Partei, die seit 25 Jahren Sachsen regiert, antwortete nicht. Auch die Opposition war abgetaucht. „Von niemandem kam eine Antwort“, sagt Möhler. „Zustände wie in der DDR.“ Möhler war früher Berufsausbilder und in der SED, im Herbst 1989 ging er für Reformen auf die Straße, wurde Sprecher des runden Tisches seiner Gemeinde, organisierte die ersten freien Wahlen mit. Später wählte er mal SPD, mal FDP und bald gar nicht mehr. Das bringe nichts, sagt er, die Politiker beschäftigten sich nur noch mit sich selbst.

          Im Dezember erfuhr er von Pegida und ging mit ein paar Leuten hin. „Wir dachten, dort hören sie uns wenigstens mal zu“, sagt Möhler. Drei Mal war er in Dresden, er wurde von „jungen Schnöseln“ als Nazi beschimpft, er hat von der Bühne herunter auch viel Unsinn gehört, er traf eine Menge Leute, die sich von der Politik ebenso ignoriert fühlten, und er hoffte, „über die Demos wieder eine Verbindung zu Entscheidungsträgern schaffen“ zu können. „Doch bei Pegida hörte auch keiner zu, die regten sich alle nur auf.“

          Skandalöse Zustände in der Notunterkunft in Meißen

          In Perba halfen sie sich dann selbst, Leute aus Nachbarorten, überwiegend christliche Frauen, gründeten eine Unterstützergruppe, Möhler übernahm die Öffentlichkeitsarbeit. Nach der Wiedervereinigung hat er als Verkäufer gearbeitet, war viel im Westen und im Ausland, er kann ganz gut reden und auf Leute zugehen. Er sprach mit Reportern und auf Veranstaltungen in Dresden, er bekam schließlich eine Einladung zu „Günther Jauch“, die er ablehnte. Er war sich nicht mehr sicher, ob auch alles richtig rüberkommt. Weil es an offiziellen Aussagen mangelte, hatten sie in Perba angeboten, zehn Prozent, also 15 Asylbewerber aufzunehmen und sich um sie zu kümmern. Ihren Slogan „15 rein, 50 nein!“ aber fassten Politiker und Journalisten so auf: Perba ist ausländerfeindlich.

          Pfarrerin Kerstin Kluge, die den Prozess begleitete, sagt, das sei ein weiterer Schock gewesen. „Die Leute fühlten sich komplett überfordert und alleingelassen.“ Es sei gut, wie Möhler gehandelt habe. „Er war da eine wichtige Person.“ Hinter der sich freilich auch manch andere versteckt hätten. Dass sich die Lage doch noch beruhigt habe, liege auch daran, dass letztlich alle Beteiligten aufeinander zugegangen seien.

          An einem Sonntag Anfang Februar erhielt die Unterstützergruppe einen Anruf aus dem Landratsamt, ob sie die Notunterkunft für Asylbewerber in Meißen besichtigen wolle. Möhler fuhr mit, und er sah eine Turnhalle, die notdürftig hergerichtet worden war. Die Zustände seien ein Skandal gewesen, sagt er, stillende Frauen, schreiende Kinder, apathische Männer, null Privatsphäre. Am Ende fragte der Landrat, ob sie in Perba Familien aufnehmen würden. „Das haben wir doch immer gesagt“, antwortete Möhler.

          In Sachsens Ort mit der höchsten Ausländerquote herrscht Ruhe

          Drei Tage später kamen dreißig Asylbewerber in Perba an, darunter 15 Kinder, Kosovo-Albaner, Serben, eine Familie aus Iran. Sie wurden mit Brot und Salz empfangen, einige Einwohner sammelten Geschirr, Töpfe, Kleidung, Bettwäsche, Babysachen. „Das war ein Selbstläufer“, sagt Möhler. „Binnen einer Woche hatte jeder sogar ein Fahrrad.“ Zwei Einwohner fuhren mit den Neuankömmlingen einkaufen, zeigten ihnen die Umgebung. Möhler hatte die Iraner im Auto, über ein Übersetzungsprogramm auf ihren Mobiltelefonen radebrechten sie auf Deutsch und Farsi. Eine Zeitung schrieb jetzt von „Achims handverlesenen Ausländern“. Und hinter vorgehaltener Hand und auf Facebook machten jetzt auch manche Anwohner gegen ihn und die „Ausländerversteher“ mobil.

          „Das war das letzte“, sagt Möhler. „Da wurde ganz übel gehetzt.“ Auch von Leuten, von denen er es nie vermutet hätte. Er habe weder Asylbewerber ausgesucht, noch sei er dafür, sie wie Kinder zu behandeln und zu betüddeln. „Aber wenn sie Hilfe brauchen, packt man an.“ Gleich am Freitag nach der Ankunft fiel ein Kind vom Trampolin, Möhler rief beim Betreiber des Heims an, da nahm niemand ab, die Polizei erklärte sich für nicht zuständig, beim Landratsamt war bereits Feierabend. Schließlich kam der Doktor vorbei. Es war nur eine Verstauchung. „Irgendjemand musste sich doch drum kümmern“, sagt Möhler.

          Heute, gut drei Monate später, ist es ruhig in Perba, dem Ort mit der nun mutmaßlich höchsten Ausländerquote in Sachsen. Im Block wohnen jetzt 33 Asylbewerber, sie alle warten darauf, dass ihre Asylanträge entschieden werden. Die Kinder spielen auf der Wiese, die älteren fahren jeden Morgen in die Schule, zwei Mal müssen sie dafür umsteigen in Bus und S-Bahn. Die Mütter trocknen Wäsche auf den Balkonen, die Männer fahren auf Fahrrädern zum Einkaufen in die nächste Stadt. Sieben Kilometer sind es bis zum Supermarkt, erst steil den Berg hoch, und dann wieder herunter.

          Selbst Berisha ist gegen eine unkontrollierte Zuwanderung

          Musharra Berisha ist einer von ihnen, der 28 Jahre alte Mann ist mit seiner schwangeren Frau, Sohn und Mutter aus dem Kosovo vor Korruption und Kriminalität geflohen. Im Heim sei es „todlangweilig“, aber er fühle sich gut aufgenommen. Er spricht Deutsch, dolmetscht für die Mitbewohner, und er spielt wie zwei andere Asylbewerber im Nachbarort im Verein Fußball. Er weiß, dass die Chance, bleiben zu können, gering ist. „Wir hoffen trotzdem sehr“, sagt er. „Ich bin Gastronom, und ich will arbeiten.“

          Möhler sei sehr aktiv gewesen am Anfang, sagt Berisha. Auch die Diskussion um Flüchtlinge in Perba habe er mitbekommen, bedroht hätten sie sich jedoch nie gefühlt. „Wer sich nicht integrieren und nicht arbeiten will, hat hier nichts zu suchen“, sagt Berisha. Er verstehe auch die Deutschen nicht, die jeden aufnehmen wollten. Da ist er sich ganz mit Möhler einig. „Ich bin gegen unkontrollierte Zuwanderung“, sagt der. „Aber wenn die Leute einmal hier sind, muss man anständig mit ihnen umgehen.“

          Mit Pegida hat Möhler heute nichts mehr zu tun. „Die haben sich radikalisiert, das hat sich für mich erledigt“, sagt er. Sein Vertrauen in die Politik aber sei vollends dahin. Als sich die Abgeordneten im Dresdner Landtag neulich die Rente von 60 Jahren an genehmigen wollten, habe er sich nur an den Kopf gegriffen. „Die Politiker treffen auf immer mehr Ablehnung“, sagt er. „Irgendjemand muss das mal wieder gerade rücken. Da muss eine neue Bewegung entstehen.“ Aber ohne ihn, das solle jetzt mal die Jugend machen.

          Anfang des Monats sind Möhler und seine Lebensgefährtin in die Stadt gezogen, in „eine Wohnung fürs Alter“, wie er sagt, er ist jetzt 66 Jahre alt, er will vorbereitet sein. Nach Perba fährt er noch ab und an, es sind nur acht Kilometer. Die Asylbewerber kommen ohne ihn klar, neulich hat er einige beim Maibaumsetzen wiedergetroffen. Es gab Blasmusik, Bier und Bratwurst nur vom Schwein. Da hätten nicht alle mitgegessen, der Wirt aber habe schon versprochen, beim nächsten Mal auch Hähnchen zu grillen.

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