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Asylbewerber in Perba : Als niemand sich kümmerte

Im Dorf der Pegida-Freunde: Flüchtlinge spielen Fußball vor ihrer Unterkunft in Perba. Bild: Robert Gommlich

Erst protestierten die Bewohner des sächsischen Örtchens Perba gegen die Ansiedlung von Asylbewerbern. Als sie aber deren Leid mit eigenen Augen sehen, ändern sie ihre Meinung und helfen, wo sie können.

          Der Wohnblock liegt am Ende einer schicken Eigenheimsiedlung, drei Eingänge, 20 Wohnungen. Ganz oben links toben Kinder um den Tisch, sie haben ein paar Mickey-Maus-Hefte in der Hand als Belohnung für gutes Mitmachen im Unterricht. Martin, der kleine Iraner, kann schon bis 20 zählen, sein Freund „Big Man“ aus dem Kosovo schafft es sogar bis 30 und ist sehr stolz darauf. Rosemarie Beck hat ihnen das Zählen beigebracht und die Hefte geschenkt, seit Februar gibt die Berufsschullehrerin hier einmal in der Woche anderthalb Stunden Deutschunterricht für Asylbewerber, ehrenamtlich.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          „Ich habe auch Flüchtlingswurzeln“, sagt Beck. Ihre Großeltern flohen mit den Kindern aus Schlesien, und die Oma habe oft erzählt, wie Nachbarn ihr in der neuen Heimat eine warme Mahlzeit brachten, die erste seit Wochen. Ums Essen geht es jetzt auch im Unterricht mit den Erwachsenen. Beck hat Werbeprospekte mitgebracht. „Wie heißt das?“, fragt sie und zeigt auf Karotten. „Möhren“, antworten die Frauen und Männer. „Richtig“, sagt Beck. Weiter geht es mit Orangen, Kohlrabi, Hähnchen und Rind, vor allem aber „kein Schwein“. Einige der Männer, Muslime, hatten neulich „Chicken“ im Laden verlangt, woraufhin sie Schinken bekamen. „Kein Schwein“, wiederholt Beck. „Kein Schwein“, sagen die Männer.

          Rosemarie Beck ist eine schlanke, pragmatische Frau ohne sozialromantische Ader. Sie wohnt im Nachbarort, ihre Kinder sind aus dem Haus, sie habe Zeit und keine Berührungsängste, sagt sie. Als die Wogen in Perba um die Jahreswende hoch schlugen, beschloss sie, etwas zu tun. „Die Leute müssen irgendwie beschäftigt werden. Und Deutsch brauchen sie alle.“ Dabei sei auch sie anfangs skeptisch über die Pläne des Landratsamtes und verärgert über den Aufruhr gewesen. Der ging los, als sich Ende November das Gerücht verbreitete, fünfzig junge, alleinstehende Asylbewerber würden schon Anfang Dezember in Perba einziehen. Fünfzig Asylbewerber in einem Dorf mit 150 Einwohnern, aber ohne Laden, ohne Schule, ohne Arzt und ohne Kneipe.

          „Die sind ja wohl verrückt, hab’ ich gedacht“, sagt Beck. „Das kann auf keinen Fall gut gehen.“ Damals stieg die Flüchtlingszahl erstmals rasant und überforderte die Kapazität vieler Kommunen. Der Landkreis Meißen, zu dem Perba gehört, suchte händeringend nach Unterkünften und griff zu, als der Eigentümer den Wohnblock zur Miete anbot. Die Anwohner informierte niemand. Früher wohnten hier Mitarbeiter einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, jetzt standen fast alle Wohnungen leer, unsaniert zwar, aber intakt, DDR-Plattenbaustandard mit winzigem Bad und Küche sowie Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer.

          Es war zu dieser Zeit, als Joachim Möhler sich der Sache annahm. Er wohnte gegenüber der geplanten Unterkunft, und er hatte auch den Buschfunk mitbekommen. Möhler ist ein bodenständiger Typ, Maschinenbauingenieur, und er hat die Dinge gern konkret. Bei der Stadtratssitzung aber sagten Stadträte und Bürgermeister, sie wüssten nichts Genaues. Ein Vertreter des Landrats, der die Entscheidung traf, war nicht da. Die Einwohner fühlten sich übergangen, schnell schossen vor allem negative Gerüchte ins Kraut, plötzlich war von hundert Asylbewerbern, jungen, alleinstehenden Männern, die Rede. „Wo viele Alleinstehende auf einem Haufen sind, gibt’s Probleme“, sagt Möhler. Das sei eine Erfahrung aus DDR-Zeiten. Massenschlägereien habe es da gegeben mit Ungarn, Kubanern, Angolanern, die aus „Bruderländern“ als Vertragsarbeiter kamen und denen nach Arbeitsschluss in ihren Wohnheimen die Decke auf den Kopf fiel. Anders als im Westen, wo die Gastarbeiter häufig Familienväter waren, kamen in die DDR junge Männer, vielfach ohne Ausbildung. „Da hat’s oft geknallt“, sagt Möhler. „Die Angst war jetzt wieder da.“ Auch vor Auseinandersetzungen mit Rechtsextremen.

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