https://www.faz.net/-gpf-83rpx

Asylbewerber in Perba : Als niemand sich kümmerte

In Sachsens Ort mit der höchsten Ausländerquote herrscht Ruhe

Drei Tage später kamen dreißig Asylbewerber in Perba an, darunter 15 Kinder, Kosovo-Albaner, Serben, eine Familie aus Iran. Sie wurden mit Brot und Salz empfangen, einige Einwohner sammelten Geschirr, Töpfe, Kleidung, Bettwäsche, Babysachen. „Das war ein Selbstläufer“, sagt Möhler. „Binnen einer Woche hatte jeder sogar ein Fahrrad.“ Zwei Einwohner fuhren mit den Neuankömmlingen einkaufen, zeigten ihnen die Umgebung. Möhler hatte die Iraner im Auto, über ein Übersetzungsprogramm auf ihren Mobiltelefonen radebrechten sie auf Deutsch und Farsi. Eine Zeitung schrieb jetzt von „Achims handverlesenen Ausländern“. Und hinter vorgehaltener Hand und auf Facebook machten jetzt auch manche Anwohner gegen ihn und die „Ausländerversteher“ mobil.

„Das war das letzte“, sagt Möhler. „Da wurde ganz übel gehetzt.“ Auch von Leuten, von denen er es nie vermutet hätte. Er habe weder Asylbewerber ausgesucht, noch sei er dafür, sie wie Kinder zu behandeln und zu betüddeln. „Aber wenn sie Hilfe brauchen, packt man an.“ Gleich am Freitag nach der Ankunft fiel ein Kind vom Trampolin, Möhler rief beim Betreiber des Heims an, da nahm niemand ab, die Polizei erklärte sich für nicht zuständig, beim Landratsamt war bereits Feierabend. Schließlich kam der Doktor vorbei. Es war nur eine Verstauchung. „Irgendjemand musste sich doch drum kümmern“, sagt Möhler.

Heute, gut drei Monate später, ist es ruhig in Perba, dem Ort mit der nun mutmaßlich höchsten Ausländerquote in Sachsen. Im Block wohnen jetzt 33 Asylbewerber, sie alle warten darauf, dass ihre Asylanträge entschieden werden. Die Kinder spielen auf der Wiese, die älteren fahren jeden Morgen in die Schule, zwei Mal müssen sie dafür umsteigen in Bus und S-Bahn. Die Mütter trocknen Wäsche auf den Balkonen, die Männer fahren auf Fahrrädern zum Einkaufen in die nächste Stadt. Sieben Kilometer sind es bis zum Supermarkt, erst steil den Berg hoch, und dann wieder herunter.

Selbst Berisha ist gegen eine unkontrollierte Zuwanderung

Musharra Berisha ist einer von ihnen, der 28 Jahre alte Mann ist mit seiner schwangeren Frau, Sohn und Mutter aus dem Kosovo vor Korruption und Kriminalität geflohen. Im Heim sei es „todlangweilig“, aber er fühle sich gut aufgenommen. Er spricht Deutsch, dolmetscht für die Mitbewohner, und er spielt wie zwei andere Asylbewerber im Nachbarort im Verein Fußball. Er weiß, dass die Chance, bleiben zu können, gering ist. „Wir hoffen trotzdem sehr“, sagt er. „Ich bin Gastronom, und ich will arbeiten.“

Möhler sei sehr aktiv gewesen am Anfang, sagt Berisha. Auch die Diskussion um Flüchtlinge in Perba habe er mitbekommen, bedroht hätten sie sich jedoch nie gefühlt. „Wer sich nicht integrieren und nicht arbeiten will, hat hier nichts zu suchen“, sagt Berisha. Er verstehe auch die Deutschen nicht, die jeden aufnehmen wollten. Da ist er sich ganz mit Möhler einig. „Ich bin gegen unkontrollierte Zuwanderung“, sagt der. „Aber wenn die Leute einmal hier sind, muss man anständig mit ihnen umgehen.“

Mit Pegida hat Möhler heute nichts mehr zu tun. „Die haben sich radikalisiert, das hat sich für mich erledigt“, sagt er. Sein Vertrauen in die Politik aber sei vollends dahin. Als sich die Abgeordneten im Dresdner Landtag neulich die Rente von 60 Jahren an genehmigen wollten, habe er sich nur an den Kopf gegriffen. „Die Politiker treffen auf immer mehr Ablehnung“, sagt er. „Irgendjemand muss das mal wieder gerade rücken. Da muss eine neue Bewegung entstehen.“ Aber ohne ihn, das solle jetzt mal die Jugend machen.

Anfang des Monats sind Möhler und seine Lebensgefährtin in die Stadt gezogen, in „eine Wohnung fürs Alter“, wie er sagt, er ist jetzt 66 Jahre alt, er will vorbereitet sein. Nach Perba fährt er noch ab und an, es sind nur acht Kilometer. Die Asylbewerber kommen ohne ihn klar, neulich hat er einige beim Maibaumsetzen wiedergetroffen. Es gab Blasmusik, Bier und Bratwurst nur vom Schwein. Da hätten nicht alle mitgegessen, der Wirt aber habe schon versprochen, beim nächsten Mal auch Hähnchen zu grillen.

Weitere Themen

Topmeldungen

 Unsere Autorin: Anna-Lena Ripperger

F.A.Z.-Newsletter : Neue Chance für „Exit-Laschet“

Kann Armin Laschet im Fernduell mit Söder punkten? Oder werden die Schulöffnungen in NRW für ihn zum Bumerang? Mit wem Joe Biden das Weiße Haus erobern möchte und was sonst wichtig wird – der Newsletter für Deutschland.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.