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Asylbewerber in Perba : Als niemand sich kümmerte

Von der Landesregierung kam keine Antwort

Die Perbaer forderten eine Einwohnerversammlung, sie sagten, sie lebten nicht hinterm Mond, sie würden auch helfen, am liebsten Familien, aber sie wollten jetzt wissen, wer kommt und wie viele. Der Saal war brechend voll, Landrat, Bürgermeister, Polizei und Diakonie, die das Heim betreibt, redeten, aber die Wut war so groß, dass sie mit ihren Argumenten nicht mehr durchdrangen. Auch sie wussten nicht definitiv, wer kommen würde. Es wurde viel geschrien und kaum noch zugehört, es war ein Desaster.

Möhler und seine Mitstreiter schrieben dann an die „große Politik“: Briefe an Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich, an Bundesinnenminister Thomas de Maizière, an den CDU-Kreisvorsitzenden, an die CDU-Fraktion im Landtag und an ihre Wahlkreisabgeordneten, ebenfalls alle CDU. Doch die Partei, die seit 25 Jahren Sachsen regiert, antwortete nicht. Auch die Opposition war abgetaucht. „Von niemandem kam eine Antwort“, sagt Möhler. „Zustände wie in der DDR.“ Möhler war früher Berufsausbilder und in der SED, im Herbst 1989 ging er für Reformen auf die Straße, wurde Sprecher des runden Tisches seiner Gemeinde, organisierte die ersten freien Wahlen mit. Später wählte er mal SPD, mal FDP und bald gar nicht mehr. Das bringe nichts, sagt er, die Politiker beschäftigten sich nur noch mit sich selbst.

Im Dezember erfuhr er von Pegida und ging mit ein paar Leuten hin. „Wir dachten, dort hören sie uns wenigstens mal zu“, sagt Möhler. Drei Mal war er in Dresden, er wurde von „jungen Schnöseln“ als Nazi beschimpft, er hat von der Bühne herunter auch viel Unsinn gehört, er traf eine Menge Leute, die sich von der Politik ebenso ignoriert fühlten, und er hoffte, „über die Demos wieder eine Verbindung zu Entscheidungsträgern schaffen“ zu können. „Doch bei Pegida hörte auch keiner zu, die regten sich alle nur auf.“

Skandalöse Zustände in der Notunterkunft in Meißen

In Perba halfen sie sich dann selbst, Leute aus Nachbarorten, überwiegend christliche Frauen, gründeten eine Unterstützergruppe, Möhler übernahm die Öffentlichkeitsarbeit. Nach der Wiedervereinigung hat er als Verkäufer gearbeitet, war viel im Westen und im Ausland, er kann ganz gut reden und auf Leute zugehen. Er sprach mit Reportern und auf Veranstaltungen in Dresden, er bekam schließlich eine Einladung zu „Günther Jauch“, die er ablehnte. Er war sich nicht mehr sicher, ob auch alles richtig rüberkommt. Weil es an offiziellen Aussagen mangelte, hatten sie in Perba angeboten, zehn Prozent, also 15 Asylbewerber aufzunehmen und sich um sie zu kümmern. Ihren Slogan „15 rein, 50 nein!“ aber fassten Politiker und Journalisten so auf: Perba ist ausländerfeindlich.

Pfarrerin Kerstin Kluge, die den Prozess begleitete, sagt, das sei ein weiterer Schock gewesen. „Die Leute fühlten sich komplett überfordert und alleingelassen.“ Es sei gut, wie Möhler gehandelt habe. „Er war da eine wichtige Person.“ Hinter der sich freilich auch manch andere versteckt hätten. Dass sich die Lage doch noch beruhigt habe, liege auch daran, dass letztlich alle Beteiligten aufeinander zugegangen seien.

An einem Sonntag Anfang Februar erhielt die Unterstützergruppe einen Anruf aus dem Landratsamt, ob sie die Notunterkunft für Asylbewerber in Meißen besichtigen wolle. Möhler fuhr mit, und er sah eine Turnhalle, die notdürftig hergerichtet worden war. Die Zustände seien ein Skandal gewesen, sagt er, stillende Frauen, schreiende Kinder, apathische Männer, null Privatsphäre. Am Ende fragte der Landrat, ob sie in Perba Familien aufnehmen würden. „Das haben wir doch immer gesagt“, antwortete Möhler.

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