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Asylbewerber in Deutschland : Überfordert mit der Hilfe

Vorerst unbewohnt: Flüchtlingslager auf einem Fußballplatz in Duisburg Bild: dpa

In diesem Jahr drängen so viele Flüchtlinge nach Deutschland wie seit langem nicht mehr. Die Länder ringen mit der Unterbringung der Asylbewerber. Mancher Kreis fühlt sich „überrannt“. Die Kommunen schlagen Alarm.

          9 Min.

          Reinhold Spaniel lässt sich matt auf die Bierbank in einem der weißen Zelte fallen. Acht kunststoffbespannte Feldbetten mit Schlafsäcken gruppieren sich um den Duisburger Sozialdezernenten, dazu noch acht Stühle. Willkommen in Duisburg. „Wir haben wirklich alles versucht, um kurzfristig weitere Unterkünfte für Asylbewerber zu finden“, beteuert Spaniel. Vielleicht könnte man die Asylbewerber wieder in Hotelschiffen im Duisburger Hafen unterbringen, so wie vor ein paar Jahren schon mal, dachte sich Spaniel. Aber was sollen die Leute in einem Hafenbecken weitab von der Stadt? Der Hafenmeister riet dringend ab. Sozialdemokrat Spaniel dachte dann an eine alte Jugendherberge und an eine Schule. „Aber es gibt so viele Auflagen: Lärmschutz, Umweltschutz, Brandschutz. Ich kann nicht einfach zum Hausmeister gehen und sagen: Her mit dem Schlüssel!“

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          In Deutschland steigt die Anzahl der Flüchtlinge so stark wie seit vielen Jahren nicht mehr - und die Länder ringen mit der Unterbringung der Asylbewerber: Im Juli zählte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) rund 19.500 Asylanträge und damit 75,6 Prozent mehr als im Juli vor einem Jahr. Es ist der höchste Juli-Wert seit 1993. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) rechnet damit, dass bis Ende des Jahres 200.000 Flüchtlinge vor allem aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, Nigeria oder aus Balkanstaaten in Deutschland Anträge auf Asyl gestellt haben werden.

          Glaubwürdigkeit der Grünen steht auf dem Spiel

          In Duisburg leben derzeit schon 1500 Asylbewerber, die Hälfte ist in Wohnungen untergebracht, die andere Hälfte in Gemeinschaftsunterkünften. Rund 100 weitere kommen jeden Monat hinzu. „Es gibt Tage, da kriegen wir morgens einen Anruf, dass abends ein Bus mit neuen Asylbewerbern kommt.“ Weil die zuständige Bezirksregierung Arnsberg mit noch mehr Flüchtlingen rechnet, wenn es Herbst wird, und in Duisburg fünf weitere Unterkünfte erst im kommenden Jahr hergerichtet sein werden, sagte sich Spaniel: Jetzt hilft nur noch das Rote Kreuz. Eilig montierten Katastrophenschutz-Mitarbeiter der Hilfsorganisation auf dem ehemaligen Ascheplatz der Sportfreunde Walsum 09 24 Einheitszelte „Typ 30“ mit insgesamt 150 Betten zusammen, stellten mobile Straßenlaternen zwischen die Zelte und markierten den Weg mit rot-weißem Flatterband. Alles nach höchstem Standard, versichert das Rote Kreuz. Trotzdem sieht der alte Ascheplatz am nördlichen Rand von Duisburg nun aus wie ein Flüchtlingscamp am Rand eines der Krisengebiete dieser Welt. Die Bilder der Zeltstadt stehen für die Not, die viele Kommunen derzeit in Deutschland damit haben, Menschen in Not unterzubringen.

          Spaniel schwitzt. Die Sonne heizt Einheitszelt „Typ 30“ kräftig auf. Seit zwanzig Jahren ist Spaniel Sozialdezernent in Duisburg, und nun das. „Es ist eine absolute Notlösung, ich bin wirklich alles andere als glücklich damit.“ Gemeinsam mit der Bezirksregierung Arnsberg ringt Spaniel darum, dass doch kein Flüchtling in ein Zelt muss. Man müsse die Situation von Tag zu Tag bewerten, sagt Spaniel. Dann wettert er gegen „all diese Schlaumeier“. Spaniel meint Politiker wie die Grünen-Bundesvorsitzende Simone Peter, die das Duisburger Zeltlager als „unwürdig“ bezeichnen und der Stadt vorwerfen, sie habe noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. „Wir haben schon 10.000 Rumänen und Bulgaren hier, entsprechend groß ist die Nachfrage nach einfachen Wohnungen, die wir nun für die Asylbewerber brauchten“, sagt Spaniel.

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