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Asylbewerber in Deutschland : Die Farbe der Halstücher

Najiib und die Detektive: Der Somalier Ahmed wartet in seinem Wohnheim auf den Asylbescheid Bild: Sebastian Cunitz

Der Somalier Najiib Ahmed hat Asyl beantragt, weil seine Eltern von Islamisten ermordet wurden. Angeblich. Ob das stimmt, müssen Beamte entscheiden. Wird Ahmed abgeschoben, wurde entweder ein Lügner entlarvt - oder einem Flüchtling unrecht getan.

          8 Min.

          Najiib Said Ahmed* weint aus gelb verfärbten Augen. Die Tränen laufen über seine Wange und tropfen mit leisem Klopfen auf das blaue Notizbuch in seiner Hand. „Das ist nicht, weil ich traurig bin“, sagt Ahmed. „In der Ukraine haben mir Grenzsoldaten auf die Augen geschlagen, wieder und wieder, irgendetwas ist in meinen Augen kaputtgegangen. Seitdem weine ich.“ Auf das nasse Papier malt Ahmed in Schlangenlinien eine kleine Straßenkarte, sie soll das Asylbewerberlager in der ukrainischen Kleinstadt Chop zeigen. Er erklärt: Hier die Unterkünfte, hier die Büros, dort ging es rein, ein Flur, die zweite Tür links. Ob das der Raum war? „Ja“, sagt Ahmed. „Sie haben gesagt: Sag uns die Namen deiner Schlepper.“ Dann, erzählt Ahmed, habe ein ukrainischer Grenzsoldat zwei Stromkabel genommen, eines in jede Hand, und sie an seine Ohren gehalten, damit der Strom durch seinen Kopf fließe. Ahmed lässt seine Arme und Beine zappeln. So sei es ihm ergangen auf seiner langen Reise nach Deutschland, dem, wie er sagt, Land seiner Hoffnung.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In diesem Land wird Ahmed bald einen Brief in einer ihm fremden Sprache erhalten, in dem unter dem Wappen eines fauchenden Adlers geschrieben steht, ob ein Sachbearbeiter einer Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) seine Geschichte glaubt oder nicht. Ob Ahmed in Deutschland bleiben darf oder in jenes (von ihm bisher verschwiegene) EU-Land in Osteuropa abgeschoben wird, das er bei seiner Flucht aus Somalia als erstes betreten hat.

          Ahmed ist zwanzig Jahre alt und stammt aus Mogadischu. Seine Erzählungen könnten falsch sein, glatte Lügen, weil manche davon so dramatisch sind, dass sie einen Aufenthaltstitel rechtfertigen. Es könnte aber auch falsch sein, einen verfolgten Menschen der Lüge zu verdächtigen, wenn er sein Grundrecht auf Asyl in Anspruch nimmt. Der Zwiespalt im Umgang mit Menschen wie Ahmed beginnt schon, wenn dieser von seiner Kindheit erzählt.

          Die „Entscheiderin“

          Als Ahmed vierzehn Jahre alt war, wurde sein Vater, ein somalischer Polizist, von rivalisierenden Clans in Mogadischu erschossen. Als er 17 Jahre alt war, kamen zwei Kämpfer der mit Al Qaida verbündeten Shabaab-Miliz zum Haus der Familie und erschossen seine Mutter vor seinen Augen. Sie hatte sich geweigert, ihren Beruf als Übersetzerin für die somalische Übergangsregierung aufzugeben. „Die Miliz hatte ihr gedroht. Ich habe zu ihr gesagt: Mama, dann gib den Job eben auf. Aber sie sagte nur: Ich muss doch meine Kinder ernähren“, sagt Ahmed. Nach dem Tod der Mutter hatte sein Onkel ihn zur Flucht überredet: „Geh nach Europa, dort haben die Menschen Geld, sie fahren Autos, geh nach Europa und komm als reicher Mann zurück!“

          In Somalia bekämpfen sich Regierungstruppen und die islamistische Shabaab-Miliz seit Jahren; ungewöhnlich sind politisch motivierte Morde nicht, wie Ahmed sie beschreibt. Die Bedrohung seiner Familie durch Islamisten könnte eine Anerkennung als Flüchtling rechtfertigen. Die deutschen Behörden dürften nur nicht erfahren, über welches Land Ahmed nach Deutschland gereist ist – denn er kam nicht mit dem Flugzeug. Polen etwa gilt als sicherer Drittstaat. Deutschland würde ihn dorthin abschieben, und ein polnischer Sachbearbeiter würde seinen Asylanspruch prüfen. Deshalb lügt Ahmed vermutlich, wenn ihn sein Sachbearbeiter fragt, über welchen Staat er eingereist sei, und er dann sagt, er wisse nicht, auf welcher Route der Bus gefahren sei. Aber vielleicht lügt er nicht, wenn er von seinen Eltern erzählt. Und vielleicht ist die einzige Erkenntnis aus Ahmeds Geschichte, nicht der Sachbearbeiter sein zu wollen, ob in Polen oder Deutschland, der entweder Asylbetrug verhindert oder einem Flüchtling weiteres Unrecht tut.

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