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AstraZeneca-Impfung : Wann ist die beste Zeit für Dosis zwei?

Jetzt auch für Junge: eine Impfung mit Vaxzevria Bild: dpa

Fachleute sind vorsichtiger, als es der Politik lieb ist: Sie raten weiterhin dazu, mit der zweiten Dosis des Vakzins von AstraZeneca zwölf Wochen zu warten. Nicht nur, weil das die Wirksamkeit erhöht.

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          Eine einheitliche Linie zwischen Politik und Ständiger Impfkommission (STIKO) hinsichtlich der optimalen Impfstrategie wird es vorerst wohl nicht geben. Nachdem die Impffachleute am Robert-Koch-Institut schon die von den Gesundheitsministern beschlossene Aufhebung der Alterspriorisierung für die Vektorimpfstoffe von AstraZeneca und Johnson & Johnson kritisiert hatten, stoßen jetzt auch die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorgeschlagenen verkürzten Impfabstände für ersteres Vakzin auf Unverständnis.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Der Minister hatte zuletzt für mehr Flexibilität geworben und den impfenden Ärzten beim Festlegen des Impfabstandes innerhalb der in der Zulassung genannten vier bis zwölf Wochen mehr Spielraum gewährt. Viele Wissenschaftler sind allerdings wie die STIKO der Auffassung, dass der gesamtgesellschaftliche Nutzen größer ist, wenn die bisherige Empfehlung befolgt wird und möglichst viele der am stärksten von Covid-19 gefährdeten Personen geimpft werden. „Wir sollten nicht vergessen, dass viele Bürger mit deutlich erhöhtem Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung immer noch nicht geimpft sind“, sagte am Dienstag der Erlanger Immunologe Christian Bogdan, der Mitglied der Ständigen Impfkommission ist.

          Weniger als zehn Prozent vollständig geimpft

          Von den über 60-Jährigen sind je nach Bundesland zwischen 20 und 28 Prozent vollständig geimpft, zwei Drittel haben wenigstens eine Dosis erhalten. Insgesamt sind jedoch noch immer weniger als zehn Prozent der Bevölkerung vollständig und knapp ein Drittel wenigstens teilweise immunisiert. Tatsächlich entwickelte sich um die Frage, inwieweit die einmal Geimpften geschützt sind und zur Eindämmung der Virenausbreitung beitragen können, eine heftige Debatte.

          Betroffen ist der AstraZeneca-Impfstoff Vaxzevria. Nach der Zulassung können die beiden Dosen im Abstand von einem bis zu drei Monaten verabreicht werden. Besser geschützt sind die Geimpften nach der Studienlage am Ende, wenn drei Monate zwischen den beiden Impfdosen liegen. Wegen der deutlich abgeschwächteren Immunreaktion auf die Vektorhülle bei großem Abstand und die Reifungsvorteile im Immunsystem ist der Impfstoff dann um etwa dreißig Prozent wirksamer. An diesen Daten hat sich die STIKO orientiert. Unklar ist, ob das genauso für die etwas mehr als zwei Millionen Menschen gilt, die bei der ersten Impfung jünger als 60 Jahre waren und wegen des etwas erhöhten Hirnvenenthrombose-Risikos einen mRNA-Impfstoff als zweite Dosis erhalten sollen. Für sie gilt die Empfehlung von drei Monaten Abstand.

          Dennoch haben die Gesundheitsminister die Öffnung für kürzere Impfabstände beschlossen und gleichzeitig die Alterspriorisierung aufgehoben. Hintergrund ist die Sorge, auf immer mehr Vektorimpfstoff sitzenzubleiben, weil viele über 60-Jährige diesen ablehnen, obwohl gerade Vaxzevria insbesondere bei ihnen sehr gut wirkt und kein erhöhtes Hirnvenenthrombose-Risiko besteht. Die Politiker hoffen, die Impfkampagne zu beschleunigen, indem nun Jüngere vermehrt damit geimpft werden. Verkürzte Impfabstände wären ein Anreiz, weil sie dadurch früher den Geimpften-Status erhalten und mehr Freiheiten genießen könnten.

          Studie sorgt für Unruhe

          Möglicherweise könne das Vorziehen der zweiten Dosis auch dazu beitragen, dass schneller ein besserer Gesamtschutz der Gesellschaft erzielt würde, sagt etwa der Münsteraner Epidemiologe André Karch. Verschiedene Szenarien seien schon durchgespielt worden. Kürzere Abstände könnten auch dazu führen, dass sich insgesamt mehr Bürger die sehr wichtige zweite Impfdosis tatsächlich geben lassen. „Diese Vorteile sind aber insgesamt eher theoretisch“, so Karch. Denn auch bei größeren Impfabständen sei viel für den Bevölkerungsschutz erreicht, da die Zahl der immerhin zum Teil geschützten einmalig Geimpften dann schneller steige. Insgesamt plädiert Karch wie die STIKO dafür, beim empfohlenen Drei-Monats-Abstand zu bleiben, weil die Impfwirkung am Ende so viel wirksamer ist für jeden Einzelnen.

          Für Unruhe sorgten zuletzt auch neue Informationen des Impfstoffherstellers AstraZeneca aus einer klinischen Studie, die eine deutlich bessere Wirksamkeit nach einem Impfabstand von vier Wochen ergeben haben soll: 76 Prozent statt der bisher in vier Studien ermittelten knapp 55 Prozent. Damit wäre eine Zweitimpfung nach einem Monat fast so wirksam wie nach den favorisierten drei Monaten. Allerdings stammen diese Informationen bisher allein aus einer Pressemitteilung von AstraZeneca. Der STIKO liegen die Originaldaten ebenso wenig vor wie dem für die Impfstoffüberwachung zuständigen Paul-Ehrlich-Institut. Und so bleibt das Expertengremium deutlich vorsichtiger in seinen Empfehlungen, als es der Politik derzeit lieb ist.

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