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Armutseinwanderung : Kämpfen, damit sie nicht entgleiten

Zähes Ringen um Integration: Kinder der Familie Lincan vor ihrer Wohnung in der Dortmunder Nordstadt Bild: Finger, Stefan

Dortmund tut viel, um die Kinder von Armutseinwanderern aus Südosteuropa zu integrieren. Aber manche verschwinden einfach irgendwann oder landen auf der Straße. Es ist ein täglicher Kampf für die Integration.

          Der weiße Bus ist über und über mit gelben, grünen, blauen und roten Punkten beklebt. „Beratungsmobil“ steht auf ihnen in Deutsch, Rumänisch, Bulgarisch und Romanes. Sozialarbeiterin Simone Brezinski macht heute auf dem Flensburger Platz Station, mitten in der Dortmunder Nordstadt. Sie hofft, möglichst viele Roma-Familien anzulocken, die sie noch nicht kennt. Mit Kolleginnen hat sie auch ein paar Tische aufbauen lassen, auf denen Malblöcke und Puzzles liegen. Das Beratungsmobil ist das neueste Projekt, mit dem sich die Stadt Dortmund um eine bessere Integration von Armutsflüchtlingen aus Südosteuropa bemüht. Mitunter ist es ein zähes Ringen. Ausgerechnet mit jenen, die Hilfe am nötigsten brauchten, tun sich selbst erfahrene Sozialarbeiter schwer, in Kontakt zu kommen. Aus sicherer Entfernung schaut eine Gruppe junger Roma-Männer herüber. Dann setzt sich ein Mädchen auf eine der Bänke, weil sie die Bundstifte entdeckt hat.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Seit dem EU-Beitritt Bulgariens und Rumäniens vor sieben Jahren zählt Dortmund zu den deutschen Städten, denen die Armutseinwanderung besonders zu schaffen macht. Lebten 2006 noch 573 Bulgaren und Rumänen in Dortmund, sind es heute rund 6000. Wer nach Dortmund kommt, der kommt meist in der Nordstadt an, das ist schon seit Generationen so. Früher waren es vor allem Arbeiter aus den damaligen deutschen Ostgebieten oder aus Polen, später aus der Türkei. Heute sind es Roma-Familien aus Bulgarien oder Rumänien. Sie zieht es nach Dortmund – weil dort schon Roma leben, weil viele von ihnen Türkisch verstehen und auch weil es regelmäßige Fernbusverbindungen von Südosteuropa nach Dortmund gibt.

          Auch immer mehr Kinder und Jugendliche kommen. In der Altersgruppe von ein bis 17 Jahren registrierten die Behörden allein im ersten Halbjahr 2014 einen Zuwachs um 120 Prozent. Mittlerweile leben 2120 Kinder aus Südosteuropa in Dortmund. Hinzu kommt eine unbekannte Zahl von Personen, die sich und ihre Familien weder an- noch abmelden. Mindestens einmal in der Woche macht Sozialarbeiterin Brezinski gemeinsam mit Kollegen Begehungen in verwahrlosten Mietshäusern. Immer wieder müssen Wohnungen wegen unhaltbarer hygienischer und baulicher Zustände geräumt werden – oder wegen akuter Brandgefahr durch wild verlegte Elektrokabel. „Dabei stoßen wir immer wieder auf Kinder, die nirgendwo registriert sind.“ Es kommt vor, dass Kinder, die in Dortmunder Kliniken geboren werden, durch alle Melderaster fallen. „Sozialarbeiter, Ärzte, Krankenschwestern haben diese Kinder gesehen“, berichtet Brezinski. Nach der Entlassung aus der Klinik geben die Mütter dann an, die Säuglinge seien bei Verwandten. „Und manchmal sind dann sowohl Mutter als auch Kind nicht mehr auffindbar. Diese Kinder existieren offiziell nicht.“ Selbst Schulkinder, die die Sozialarbeiter schon kennen, verschwinden manchmal von einem auf den anderen Tag ohne Abmeldung.

          Familienporträt der rumänischen Einwanderer-Familie Lincan. Von links nach rechts: Estera (14 Jahre) mit Sebi (2 Monate), Mutter Gabriela, Raul (4 Jahre), Florin (12 Jahre), Rubi (6 Jahre), und Vater Gelu. Sie stehen vor dem Bett im Wohnzimmer. Bilderstrecke

          Die Sozialarbeiter hoffen, dass sie mit Hilfe des Beratungsmobils mehr Informationen über Armutseinwandererfamilien und ihren Aufenthaltsort bekommen, um kontinuierliche Betreuung und Beratung überhaupt möglich zu machen. Viele der Familien haben eine ausgeprägte Angst vor Ämtern und Institutionen – weil sie in ihrer alten Heimat immer Angst haben mussten vor Behörden. Um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, gibt es kleine Geschenke, die Sponsoren zur Verfügung gestellt haben: Windeln, Säuglingsnahrung, Schul- und Spielmaterial. „Viele Armutsflüchtlinge sehen in uns das Amt, das ihnen die Kinder wegnimmt“, sagt Brezinski. Manchmal stimmt das freilich: Immer wieder müssen in Dortmund einzelne Einwandererkinder in Obhut genommen werden – nicht weil es ihnen an Liebe und Zuwendung fehlt, sondern weil die Wohnung nicht geheizt, der Kühlschrank leer ist oder Wasser und Strom abgedreht sind.

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