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Armutseinwanderung von Roma : Es gibt keinen Zigeunerkönig

Kinder in einem Slum im Nordwesten Rumäniens Bild: dpa

Klischees über Roma erschweren die Suche nach Lösungen in der Debatte um Armutseinwanderung. Viele sehen nur „Zigeunerkönige“, bettelnde Roma-Kinder und kriminelle Netze. Der Mensch hinter den Vorurteilen geht verloren.

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          Die osteuropäischen Roma sind in Nordwesteuropa angekommen - erst physisch und nun auch in den Debatten über Armutseinwanderung und überlastete Städte. Dass jetzt zur besten Sendezeit über das Phänomen diskutiert wird, ist eigentlich eine gute Nachricht, denn bis vor kurzem interessierte sich kaum jemand dafür. Einige Medienberichte über die Roma erinnern allerdings an den Kabarettisten Gerhard Polt, der in seinem Text „Alles über den Russen“ einen aus dem Osten heimgekehrten bayerischen Touristen über die russische Seele sinnieren lässt.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Polt karikiert darin die Angewohnheit manch eines Reisenden, Augenblickseindrücke zu verallgemeinern und axiomatische Urteile über ganze Völker zu fällen - über „den Russen an und für sich“ zum Beispiel. Manche eine dieser Tage über „die Roma“ zu hörende oder zu lesende Einschätzung wirkt so, als sei sie stark von Polt inspiriert. Die darin geschilderten Roma erinnern entweder an Seehunde oder Pinguine, die alle gleich sind und vorbestimmten Verhaltensmustern folgen. Oder sie werden als eine dunkle Geheimgesellschaft beschrieben, so wie früher die Freimaurer.

          Selten fehlt ein (namenloser) „Zigeunerkönig“, der selbstverständlich „märchenhaft“ reich ist, in einem mit viel Liebe zum Detail beschriebenen Prunkbau wohnt, seine Untertanen in irgendeinem (namenlosen) Ort weit hinten in der Walachei wie Vieh behandelt und sie von der Wiege bis zur Bahre unter Kontrolle hat. Der König schickt seine Roma-Kinder zum Betteln oder in die Prostitution. Solche Darstellungen hinterlassen den Eindruck, bei Europas etwa zwölf Millionen Roma - genaue Zahlen liegen nicht vor - handele es sich um eine wehr- und willenlose kriminelle Massenbewegung.

          Es gibt keinen „Zigeunerkönig“

          Dass es so einfach nicht sein kann, liegt eigentlich auf der Hand. Wer sich länger in einer Roma-Barackensiedlung im Balkan aufhält, wird nach wenigen Tagen feststellen können, dass es zwar - wie in anderen Milieus auch - vielfältige Hierarchien und auch Abhängigkeiten gibt, aber keinen „Zigeunerkönig“, der in der Lage wäre, den Menschen selbst bei Fragen von Heirat oder Schulbesuch ihr Verhalten zu diktieren. Und selbst wenn es solche Fälle gleichsam nordkoreanischer Machtfülle vereinzelt geben sollte, sind sie nicht die Regel.

          Das gilt auch für die These, die Roma seien Opfer von Netzwerken, die wiederum nur von Roma kontrolliert werden. Kriminelle Netze gibt es zwar - aber meist sind Roma nur ein Teil dieser Verbindungen, das große Geld machen „Weiße“. Nach einem in Zürich abgehaltenen Prozess um Frauenhandel wurden die Täter flugs als „Roma-Zuhälter“ bezeichnet. Die Schweizer Ethnologin Dora Winkler erinnerte daran, dass „in den allermeisten Fällen“ auch Einheimische an den Verbrechen beteiligt sind - unter anderen die Besitzer der Wohnungen, in denen die Zwangsprostitution stattfindet.

          Aggressives Betteln: Das Bild der Roma besteht für manchen nur aus Klischees
          Aggressives Betteln: Das Bild der Roma besteht für manchen nur aus Klischees : Bild: dapd

          Die Luxemburger Politologin Karin Waringo, die sich seit zehn Jahren mit der Lage von Roma in Südosteuropa befasst, wundert sich über die zuverlässig wiederkehrenden, aber ebenso zuverlässig nicht mit Zahlen oder wenigstens Indizien belegten, geschweige denn durch substantielle Studien untermauerten Berichte über die großen Reichtümer, die Roma-Clanchefs durch zum Betteln gezwungene Kinderscharen scheffelten. Das große Geld lasse sich mit Betteln nicht verdienen, hält sie dem entgegen - wer das nicht glaube, müsse sich nur einmal etwas länger in die Nähe eines Bettlers stellen.

          Roma-Kinder erhielten weniger Geld als „normale“ Bettler

          Sie zitiert eine Sprecherin der luxemburgischen Polizei, die sich wiederum auf „Erfahrungen aus Italien“ berief und behauptete, dass ein Kind im Monat 50.000 Euro einbringe. „Das wären 1.666 Euro pro Tag“ rechnet Frau Waringo vor und rät, man möge selbst entscheiden, ob das realistisch sei. Laut einer im Auftrag der französischen Caritas erhobenen Studie erhalten bettelnde Roma im Schnitt sogar deutlich weniger Geld als „normale“ Bettler. Dabei, so Karin Waringo, spiele eine Rolle, dass viele Menschen zu wissen glaubten, bettelnde Roma seien grundsätzlich Teil einer Bettelmafia.

          Bevor die Passanten dem dahinter vermuteten bösen Zigeunerkönig etwas geben, bekommt lieber der stadtbekannte Alkoholiker eine Münze zugesteckt. Karin Waringo gehört aber nicht zu jenen Fachleuten, die zur Idealisierung der Roma neigen. Sie bestreitet auch nicht, dass es skrupellose Roma gibt, die die Not anderer Roma ausnutzen. Nur sei dies nicht die Regel. Natürlich spielten bei „organisierter“ Bettelei auch Großfamilien eine Rolle.

          Von Clanstrukturen zu sprechen, was gemeinhin einen Chef und eine strikte Hierarchie voraussetze, gehe aber an der Realität vorbei. Wer sich die Zeit nehme, einzelnen in den Medien beschriebenen Fällen auf den Grund zu gehen, werde oft die Erfahrung machen, dass die Schilderungen wenig belastbar seien. Frau Waringo berichtet von einer BBC-Reportage über kriminelle Roma-Kinder, in der als Beweis die Aussage der Madrider Polizei angeführt wurde, dass 95 Prozent der in Spaniens Hauptstadt aufgegriffenen minderjährigen Diebe rumänische Roma seien.

          „Wir haben bei verschiedenen internationalen Organisationen, unter anderen bei „Save the Children“, die sich auf das Thema spezialisiert haben, nach Details dazu gefragt. Wir erhielten entweder keine Antwort oder die Aussage, dass es dazu keine Statistiken gebe.“ Nur in zwei größeren Fällen erwiesen sich die Verdächtigungen bisher als gerichtsfest, schreibt der Journalist Norbert Mappes-Niediek in seinem Buch „Arme Roma, böse Zigeuner“: Zu Verurteilungen kam es „in einem Fall in London, bei dem es um eine wirklich große Zahl stehlender Kinder ging, und in einem Fall in Wien, wo sich eine Familie gezielt Behinderte aus Rumänien schicken ließ und zum Betteln aufs Pflaster setzte.“

          Das waren extreme Fälle der „sichtbaren Roma.“ Dem stehen die „unsichtbaren Roma“ gegenüber, die als Krankenschwestern, Putzfrauen oder Bauarbeiter ihr Auskommen gefunden haben und gut integriert sind. Gerade deshalb werden sie nicht mehr als Roma wahrgenommen. Diese „unsichtbaren Roma“ haben kein Interesse daran, sich mit den bettelnden oder kriminellen „sichtbaren Roma“, die von den Mehrheitsgesellschaften oft als die einzigen Vertreter ihres Volkes wahrgenommen werden, zu identifizieren. Roma, das sind immer die anderen.

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