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Armutseinwanderung von Roma : „Deutschland muss viel mehr Druck ausüben“

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Wir haben das Problem aber jetzt.

Nehmen wir das Beispiel Neukölln, Harzer Straße. Da gab es zahlreiche Berichte über Müll, Dreck, Ungeziefer. Das hat man alles den dort lebenden Roma zugeordnet. Das waren Arbeitsmigranten aus Rumänien und Bulgarien, die hier zu Dumpinglöhnen gearbeitet haben und horrende Preise für Wohnraum in Abbruchhäusern zahlen mussten. Die Menschen lebten dort zu fünft, zu sechst in einem kleinen Raum. Natürlich ist da die hygienische Belastung größer, als wenn die Zimmer ganz normal belegt sind. Inzwischen ist das Haus von einer katholischen Wohnungsbaugesellschaft gekauft und saniert worden. Die gleichen Romafamilien leben darin wie vorher, und ich kann Ihnen sagen: Ich würde da sofort einziehen. Das Beispiel zeigt, dass wenn man Menschen eine Chance gibt, und diese Menschen haben zum ersten Mal eine Chance bekommen, dass sie dann auch wissen, mit dieser Chance umzugehen.

Der Städtetag ist in seinem jüngsten Papier über die Armutszuwanderung um die Nennung der Roma herumgetänzelt. Sollte man aus Ihrer Sicht klar benennen, um wen es geht?

Ich wünsche mir, dass die Politik ehrlich, aber auch unvoreingenommen mit dem Thema umgeht. Das Problem der Armutsmigration darf nicht ethnisiert werden, weil das die gesamte Minderheit erneut ausgrenzt und stigmatisiert. Gleichzeitig muss darüber gesprochen werden, dass große Teile der Romabevölkerungen in den Herkunftsländern in einer extrem desolaten Situation leben. Wir als Roma haben keinen Sonderstatus, aber wir haben einen Rechtsstatus. Das bedeutet: Wir sind nicht Bürger zweiter Klasse.

Ein früherer Kölner Oberstaatsanwalt hat vor einem guten halben Jahr darauf hingewiesen, dass bei Einbruchsdelikten „einschlägig bekannte Roma-Clans“ „das größte Problem“ darstellten. Ist eine solche Aussage aus Ihrer Sicht zulässig?

Das ist eine rassistische Zuordnung und pure Propaganda, bei Polizei und Staatsanwaltschaften leider keine Seltenheit. Ich würde dazu raten, die Leute hinter Schloss und Riegel zu bringen, anstatt eine genetisch bedingte Kriminalität zu unterstellen. Stellen Sie sich vor, man würde in Deutschland einen ähnlichen Satz über Juden sagen. Das wäre unvorstellbar und zu Recht geächtet. Genauso unvorstellbar und geächtet sollten derartige Stigmatisierungen aber sein, wenn es um die Roma geht.

Manchmal kommen solche Unterstellungen aber auch aus Ihrer Mitte. Eine deutsche Jazzsängerin mit Sinti-Wurzeln, Dotschy Reinhardt, sagte zuletzt: „Ich kenne keinen Sinto, der mit seinem Kind auf der Straße sitzt und bettelt. Man sieht immer nur die Roma aus Osteuropa.“

Sinti in Deutschland waren in den Nachkriegsjahren in Deutschland und bis in die achtziger Jahre als sogenannte soziale Randgruppe extrem ausgegrenzt. Es ist verständlich, dass diese Ängste vor erneuter Ausgrenzung bei den Angehörigen unserer Minderheit da sind, denn das Bild von bettelnden Roma wird immer auf die gesamte Minderheit übertragen. Dabei wird zum einen vergessen, dass Betteln ein Ausdruck von extremer Armut ist und dass heute viele Menschen gezwungen sind zu betteln, die nicht einer Minderheit angehören, und zum andern, dass es unter den Roma gerade aus Osteuropa viele Gruppen gibt, für die Betteln schlicht unvorstellbar ist.

Sie lehnen für die Roma also jede Identitätszuschreibung ab?

Wenn etwa gesagt wird, wir seien alle hervorragende Musiker, dann mag das aus Sicht dessen, der es sagt, positiv sein, aus meiner Sicht werden wir dadurch romantisiert und wieder in ein Klischee gesteckt. Wir sind einfach normal. Es gibt gute Charaktere, es gibt schlechte. Selbst Menschen, die pünktlich sind, was viele Deutsche ganz unglaublich finden mögen. Mein Vater war Preuße, und meine Familie hat sich immer als preußische Familie verstanden mit preußischen Tugenden. Mit den Roma in Rumänien oder Bulgarien kann ich mich nicht einmal unterhalten, weil sie ein anderes Romanes sprechen. Was mich mit diesen Menschen allerdings verbindet, ist die Erfahrung von Verfolgung und Vernichtung in der europäischen Geschichte.

Das Gespräch mit Romani Rose führte Timo Frasch.

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