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Armutseinwanderung : Das bessere Leben im Problem-Hochhaus

Mitgenommener, als er aus der Luft erscheint: Der Duisburger Stadtteil Hochfeld Bild: Dominik Asbach/laif

Die deutschen Kommunen sorgen sich wegen der Armutseinwanderung. Bei einem Besuch im besonders betroffenen Duisburg versteht der EU-Abgeordnete Hannes Swoboda einmal mehr, warum. Ein Dialog scheint schwierig.

          „Problem-Bürger“ nennt sich Hans-Wilhelm Halle. Nicht Wut-Bürger, dabei ist er manchmal richtig wütend. Wenn sich der Müll wieder einmal vor dem Hochhaus stapelt. Oder wenn die neuen Nachbarn wieder endlos lärmen. Halle lebt in einer beschaulichen Bergarbeitersiedlung in Duisburg. Häuschen an Häuschen reiht sich in Rheinhausen-Bergheim. Nur wenige Mietskasernen gibt es in der Gegend und zur Durchgangsstraße hin nur ein Hochhaus. Lange war auch dieses Hochhaus eine begehrte Adresse bei Bergleuten und Stahlarbeitern. Aber mit der Kohle ist es längst aus in Duisburg und mit dem Stahl auch fast vorbei, zuletzt lebten vor allem Hartz-IV-Empfänger in dem arg heruntergekommenen Hochhaus. Vergangenes Jahr erschloss der Eigentümer dann eine neue Mieterschicht: Armutseinwanderer aus Rumänien und Bulgarien, die meisten von ihnen Roma.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Seither heißt das Gebäude bei den Einheimischen nur noch „Problem-Hochhaus“, wegen des Lärms und des Mülls und der flatternden Wäsche auf allen Balkonen. Und seither nennt sich Hans-Wilhelm Halle sarkastisch „Problem-Bürger“. Er wohnt ja gleich neben dem Hochhaus. Er bekommt ja alles direkt mit. „Glauben Sie nicht den Leuten in der Verwaltung, die behaupten, es sei besser geworden“, sagt Halle. „Anfänglich kannten wir die Ratten im Müll noch mit Namen, heute können wir sie nicht mehr zählen.“

          Suche nach eindrücklichen Bildern

          Seit Mitte Februar der Deutsche Städtetag in einem aufsehenerregenden Positionspapier warnte, der soziale Frieden in Kommunen wie Dortmund, Mannheim oder eben Duisburg sei durch weiter zunehmende Armutseinwanderung aus Südosteuropa gefährdet, ist das „Problem-Hochhaus“ überregional bekannt geworden. Fast täglich kommen Fernsehleute auf der Suche nach eindrücklichen Bildern. So genervt sind die Hochhausbewohner mittlerweile, dass sie neulich ein Team mit Obst bewarfen. Herr Halle ist hin- und hergerissen. Einerseits findet er es gut, dass endlich überregional über das Problem berichtet wird und sich auch die Landes- und Bundespolitiker zum Thema Armutseinwanderung äußern. Andererseits beklagt Halle: „Wer kümmert sich eigentlich um uns?“ Mit dem Herrn, der sich für heute angekündigt habe, sei es doch wieder dasselbe. „Die kümmern sich immer nur um die anderen.“

          Wenig später hält eine schwere Limousine. Hannes Swoboda, der Vorsitzende der sozialdemokratischen Fraktion im Europaparlament, will sich gemeinsam mit seinen nordrhein-westfälischen Fraktionskollegen Birgit Sippel und Jan Geier selbst ein Bild machen. Leyla Özmal, die Leiterin des Referats Integration der Stadt Duisburg, nimmt die Delegation auf dem Bürgersteig in Empfang. Vor ein paar Tagen hat Frau Özmal Tacheles geredet. „Wir fühlen uns von Land, Bund und EU im Stich gelassen“, sagte sie in einem Interview. Das hochverschuldete Duisburg ist ein Zuzugsschwerpunkt für Armutsflüchtlinge. Gab die Stadtverwaltung die Zahl der Armutseinwanderer am Anfang des Jahres noch mit 6200 an, berichtet Frau Özmal dem Gast aus dem Europaparlament nun, dass schon 6700 bulgarisch- und rumänischstämmige Einwanderer in Duisburg lebten.

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