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Armutseinwanderung : Das bessere Leben im Problem-Hochhaus

Wenn vom 1. Januar 2014 die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit gilt, erwartet Frau Özmal einen weiteren Zuzugsschub und damit weiter steigende Sozialkosten. Mit Mehrausgaben von mindestens 15 Millionen Euro rechnet die Kommune. „Die Stadt kommt an ihre Grenzen“, sagt Frau Özmal. In Rheinhausen-Bergheim versuche man „mit kleinen Schritten, für Dialog zu sorgen“. Kurz darauf fährt ein Kleinwagen vorbei. Die Frau am Steuer hat das Fenster heruntergekurbelt und schreit Richtung Hochhaus: „Scheiß Bulgaren!“

Wie schwierig es ist, in einen Dialog zu treten, erfährt Swoboda wenig später auch im Hof des Hochhauses. Kaum nähert sich seine kleine Delegation dem Parkplatz, auf dem Autos mit rumänischen, spanischen und französischen Kennzeichen abgestellt sind, flüchten die meisten der zuvor noch ins Gespräch vertieften Männer. Die Sozialarbeiterin und Dolmetscherin Veronika Borgovan, die sich im Auftrag der Stadt um die rund 300 Hochhausbewohner kümmert, hat Mühe, einen der Roma zum Bleiben zu überreden. „Die Leute haben Angst, dass Sie gekommen sind, um sie rauszuschmeißen.“ Im Haus lugen hinter den Gardinen neugierige Kindergesichter hervor.

Ganz allmählich kommt ein Gespräch im Hof in Gang. Ein Mann berichtet, dass er seinen beiden Kindern eine bessere Zukunft bieten wolle. Seine einzige Verdienstmöglichkeit sei derzeit, eine Obdachlosenzeitung zu verkaufen. Ein anderer Mann redet erregt auf Frau Borgovan ein. „Erzähl ihnen die Wahrheit, wie es ist in Rumänien. Erzähl ihnen, wie sie uns Roma diskriminieren“, übersetzt die Sozialarbeiterin. Die Leute fassen Vertrauen. Eine Frau mit Kopftuch stellt sich dazu. Kinder hüpfen um die Besucher herum.

Männer auf dem „Arbeiterstrich“

In Duisburg-Hochfeld hat Karl-August Schwarthans seine eigene Sicht auf die Dinge. „Integration ist in Hochfeld schon lange eine Daueraufgabe“, sagt der Geschäftsführer von AWO Integration, einem Unternehmen der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Hochfeld mit aktuell rund 40 Prozent Ausländeranteil ist seit Jahrzehnten das Einwanderungsviertel Duisburgs. Erst kamen Italiener, dann Türken, heute zieht es die meisten der rumänisch- und bulgarischstämmigen Einwanderer, die nach Duisburg kommen, nach Laar, Meiderich, Bruckhausen und eben Hochfeld. Schwarthans beschönigt nichts. Er weiß zu gut, wie viel Ausbeutung es in Hochfeld gibt. Viele Männer gehen auf den „Arbeiterstrich“. Sie warten am Straßenrand, bis sie für Schwarzarbeiten abgeholt werden. Viele junge Frauen verkaufen ihre Körper. „Das ganze von zwei verfeindeten Rockerbanden kontrollierte Rotlichtviertel funktioniert nicht ohne Migrantinnen. Ausbeutung ist dort fester Teil des Geschäftsmodells.“

Trotzdem hält Schwarthans nichts von der aktuellen Aufregung über das Thema Armutseinwanderung. Zu viele Legenden seien im Umlauf. „Es gibt keinen Grund zur Hysterie.“ Ja, es herrschten oft beengte Verhältnisse, und es gebe Ausbeutung. Aber das berühmt-berüchtigte Matratzenlager, das habe er noch nie gesehen. Und auch die vom Städtetag genannten Zahlen zur Armutseinwanderung aus Rumänien und Bulgarien hält er schon aus einem Grund für übertrieben. „Bei den für 2011 genannten 147.000 sind jene nicht abgezogen, die wieder in ihre Heimat zurückgegangen sind.“ Und dann gebe es noch viele gut qualifizierte Einwanderer. Eben erst habe er wieder einen Arzt aus Rumänien bei sich gehabt.

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