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Wettbewerb um Fortschritt : Eine Montanunion für Künstliche Intelligenz

Der Roboter „Tigrillo“ läuft im neuen bayerischen Zentrum für Künstliche Intelligenz „fortiss“ durch einen Raum. Bild: dpa

Armin Laschet will die EU an die Spitze des Fortschritts bringen – und sich dabei an der europäischen Integration bei Kohle und Stahl orientieren. Nur so könnten Standards nach dem europäischen Wertebild geprägt werden.

          5 Min.

          Der Wettbewerb, welches Land bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz schnell und erfolgreich sein wird, ist in vollem Gange. Im vergangenen Jahr kündigte China an, die globale Führung bei Künstlicher Intelligenz (KI), also der Automatisierung intelligenten Verhaltens, bis zum Jahr 2030 übernehmen zu wollen. Vor kurzem erst hat Schanghai mitgeteilt, 15 Milliarden Dollar in KI-Projekte zu investieren. Unter anderem soll eine volldigitalisierte „Smart City“ aufgebaut werden. In diesem Jahr preschte dann Frankreich vor und kündigte Milliardeninvestitionen an.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Und Deutschland? Auch hierzulande ist KI das neue Großthema der Politik. An hehren Worten fehlt es nicht: „Wir müssen jetzt alles tun, was geht“ (Kanzleramtsminister Helge Braun), und Deutschland solle bei der KI einen führenden Platz in der Welt einnehmen (Bundeskanzlerin Angela Merkel). Doch die Taten sind – gerade im internationalen Vergleich – noch relativ bescheiden. Mitte November stellte die Bundesregierung ihre Strategie für das weite Forschungsfeld KI vor. „Artificial Intelligence made in Germany soll zum weltweit anerkannten Gütesiegel werden“, heißt es darin.

          Mindestens 100 neue KI-Professuren

          Bis 2025 stellt die Bundesregierung drei Milliarden Euro unter anderem für mindestens 100 neue KI-Professuren, Hilfe für Mittelständler und mehr Wagniskapital zur Verfügung. Auf dem Digital-Gipfel in Nürnberg Anfang des Monats mit der Bundeskanzlerin spielte KI eine zentrale Rolle. Aber obwohl Merkel dem Thema etwa bei einer China-Reise große Aufmerksamkeit widmete, sind im Haushalt für das nächste Jahr nur 142 Millionen Euro für KI eingeplant, wie aus einem Schreiben von Michael Meister hervorgeht, dem Parlamentarischen Staatssekretär im Forschungsministerium.

          Damit Deutschland der angestrebte Entwicklungssprung in Sachen KI gelingt, wurde schon im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD festgehalten, dass ein deutsch-französisches KI-Forschungszentrum entstehen soll. Wo es angesiedelt wird, ist noch offen. Spätestens an diesem Punkt mischen die Länder bei den KI-Projekten der Bundesregierung ordentlich mit. Besonders ambitioniert ist Nordrhein-Westfalen. „Wir haben bereits begonnen, das Thema Künstliche Intelligenz zu bündeln“, sagt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet im Gespräch mit dieser Zeitung. Mit der Kompetenzplattform KI unter Leitung des Fraunhofer-Instituts für Intelligente Analyse- und Informationssysteme in Sankt Augustin würden Spitzenforscher vernetzt, die sowohl die technologischen Aspekte exzellent beherrschen als auch die ethischen Fragen im Blick haben. „So arbeiten alle gemeinsam, als wäre es eine einzige Einrichtung.“

          Es reiche allerdings nicht, dass Nordrhein-Westfalen, Bayern und einige weitere Bundesländer vorangingen. Unabdingbar sei „mehr Europa“, nicht nur, weil jeder einzelne Nationalstaat zu klein sei, um technologisch an der Spitze zu stehen, sondern weil es auch darum gehen müsse, selbstbewusst ethische Standards für die KI zu setzen. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident schlägt deshalb ein europäisches Projekt vor, das er „eine neue digitale Montanunion KI“ oder auch einfach „KI-Digitalunion“ nennt.

          Laschet erinnert daran, dass die EU aus Kohle und Stahl entstanden sei. Schon der Schuman-Plan, der auch im Montanplan des ersten gewählten nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Karl Arnold mit der Idee einer Gemeinschaft für Kohle und Stahl wurzelte, habe das Modell der gemeinsamen Werte vorgesehen. Der Rohstoff unserer Zeit seien Daten, weshalb die Gründung einer wertebasierten „KI-Digitalunion“ naheliege. Denn es gehe eben nicht allein um einen volkswirtschaftlichen Zweckverband im Ringen mit China und Amerika, sondern auch um die Durchsetzung des europäischen Wertebildes. „Wir wollen Technologie, die dem Menschen dient – nicht umgekehrt.“ Europa müsse zeigen, dass ein verantwortungsbewusster Umgang mit persönlichen Daten, die Berücksichtigung ethischer Aspekte und technische Innovationen miteinander vereinbar sind.

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