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Wettbewerb um Fortschritt : Eine Montanunion für Künstliche Intelligenz

Nur beim autonomen Fahren konkurrenzfähig

Um das eigene Wertebild durchsetzen zu können, müssen deutsche und europäische KI-Entwicklungen und -Firmen aber auch ein relevantes Gewicht erreichen. Derzeit ist Deutschland im Vergleich zu den Vereinigten Staaten und China bei der Anzahl von neugegründeten KI-Unternehmen nicht gut aufgestellt. Auch bereits etablierte Unternehmen haben Nachholbedarf, das zeigen mehrere Studien. In einem Gutachten für das Bundeskanzleramt warnte die Expertenkommission für Forschung und Innovation erst im Frühjahr, dass Deutschland nur beim autonomen Fahren konkurrenzfähig sei. Auf anderen Feldern, vor allem den autonomen Systemen in der industriellen Fertigung, beim Smart Home und beim Einsatz von Computern in menschenfeindlichen Umgebungen, liege Deutschland hingegen weit zurück.

Laschet erfüllt mit Sorge, was in China passiert. Dort könne der Staat schon jetzt das Leben der Menschen, das Wohlverhalten der Bürger über KI massiv beeinflussen. Sie werde eingesetzt, um feststellen, wer welche Freunde habe, wer welche Bücher lese, wer welche Internetseite anklicke, wer sich staatskonform verhalte oder nicht. „Damit lässt sich ein totaler Staat schaffen. George Orwells ,1984‘ ist ein Kinderbuch dagegen“, warnt Laschet. Auf der anderen Seite stehe Amerika, wo der Staat den Internetkonzernen oder Plattformen wenig Regeln setzte, wodurch neue Monopole entstünden, die Vermögen von der Größe ganzer Volkswirtschaften und zugleich ein nahezu unbegrenztes Datenwissen ansammelten. „Das ist ein ungeheures Machtmonopol und in gewisser Weise auch das Ende der persönlichen Autonomie über die eigenen Daten“, sagt Laschet.

Statt sich um diese großen Zusammenhänge zu kümmern, verheddert sich Deutschland einstweilen im Regionalproporz. „Die Lösung liegt in der Kooperation und Bündelung von Kräften“, sagt etwa Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Doch wird schon darüber gestritten, in welchem Bundesland das deutsch-französische Kompetenzzentrum angesiedelt werden soll. Gute Chancen rechnet sich Saarbrücken aus, weil es nah an der französischen Grenze liegt. Für Saarbrücken macht sich offenbar die neue CDU-Vorsitzende und frühere saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer stark. Auch Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Sachsen-Anhalt haben wohl Interesse.

„Wenn es weitere zwei Jahre Streit gäbe, wäre Deutschland kein guter Partner für Frankreich“, sagt der baden-württembergische Innen- und Digitalminister Thomas Strobl (CDU). Der Ministerpräsident des Saarlands, Tobias Hans (CDU), warnt: „Wir laufen Gefahr, uns im regionalen Kampf um Fördermittel zu verlieren.“ Eine wichtige Rolle dürfte in der KI-Frage der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Laschet spielen. Er hat vom 1. Januar an das Amt des Bevollmächtigten für die deutsch-französischen kulturellen Beziehungen inne. Laschet wird also der Ansprechpartner Frankreichs auf den Feldern Kultur und Bildung sein und damit auch weitere eigene Schwerpunkte beim Thema KI setzen können.

Laschet teilt die Ansicht vieler Forscher und auch mancher Politiker nicht, Europa sei angesichts der rasanten Entwicklungen in China und den Vereinigten Staaten längst weit abgeschlagen. „Im Gegenteil – Europa hat jetzt die einmalige Chance, der Entwicklung bei der Künstlichen Intelligenz seinen Stempel aufzudrücken.“ Denn Europa könne mit vereinter Stimme einen dritten Weg zwischen autoritärer Kontrolle und kommerzieller Monopolisierung aufzeigen. Hinzu komme, dass Amerika zwar das Internet der Konsumenten dominiere, doch in den kommenden Jahren werde es um das industrielle Internet, das Internet der Dinge gehen.

„Hier ist Europa in einer hervorragenden Startposition, an vorderster technologischer Front die Entwicklungen mitzubestimmen“, sagt Laschet. Eine „KI-Digitalunion“ könne ein „ungeheurer Anschub und Zusammenhalt für die EU“ werden. Laschet erinnert daran, dass Franz Josef Strauß vor 50 Jahren angeregt habe, ein europäisches Flugzeug zu entwickeln. Damals hätten viele Skeptiker eingewendet, Boeing, der amerikanische Anbieter, sei zu stark.

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