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Antisemitismusbeauftragter : Mischen Sie sich ein, wenn Sie Judenhass erleben!

  • -Aktualisiert am

Gedenken an den antisemitischen Anschlag auf die Synagoge in Halle. Bild: dpa

Die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen sind ein Sammelbecken für Verschwörungsmythiker und Vertreter extremer Haltungen. Diese Mischung ist brandgefährlich. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Die Corona-Krise verlangt uns allen derzeit eine hohe Anpassungsleistung ab. Politisch und psychisch müssen wir immer wieder schnell reagieren, flexibel bleiben und uns auf verschiedene Weisen einschränken, um unsere Gesellschaft als Ganze und jede und jeden Einzelnen zu schützen.

          Doch nicht nur vor dem Virus gilt es sich und andere zu schützen. Einige Menschen sind jetzt anfälliger für irrationale Scheinerklärungen: Verschwörungsmythen haben gerade leider Hochkonjunktur. Mehr oder weniger offen machen diese „Theorien“ – es sind ja meist recht plumpe und sehr vereinfachende Erklärungen – häufig „die Juden“ oder Israel als Kollektivjuden verantwortlich.

          Die aktuellen Proteste gegen die Corona-Maßnahmen sind ganz offenbar ein Sammelbecken für Verschwörungsmythiker und auch Vertreter sonst ganz unterschiedlicher extremer Haltungen: Da marschiert der Impfgegner in seltsamer Einigkeit mit dem Rechtsextremen, Antisemiten und Holocaust-Leugner. Der rebellische Gestus dabei, den auch die neue Partei „Widerstand2020“ und die Reichsbürger an den Tag legen, ist typisch für antisemitisches Denken: eine Haltung des Tabubruchs, „endlich“ die Wahrheit darüber ans Licht zu bringen, wer im Hintergrund „die Fäden zieht“ – und wie seit Tausenden von Jahren trifft es auch heute Juden und Jüdinnen.

          Der Wunsch nach Sündenböcken

          Aber nicht nur offline, sondern insbesondere auch online erfahren Anspielungen auf geheime Pläne und Machenschaften und die unsichtbare Macht des angeblich jüdischen Finanzkapitals oder des Mossad erhebliche Verbreitung. Mit Bestürzung habe ich gehört, dass Fehlinformationen und Verschwörungsmythen nun sogar aus Kirchenkreisen heraus geäußert werden. Etwa ein Drittel der Deutschen neigt laut der letzten Leipziger Autoritarismus-Studie zur „Verschwörungsmentalität“, wobei dieser Anteil bei Anhängern rechter Parteien mit zwei Dritteln deutlich höher liegt.

          Felix Klein ist Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus.
          Felix Klein ist Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus. : Bild: Helmut Fricke

          Je fragiler der gesellschaftliche Zusammenhalt ist, je größer Angst und Unsicherheit werden und je mehr gleichzeitig die Räume für physischen sozialen Austausch schrumpfen, desto eher wenden sich Menschen solchen Sündenbockerklärungen zu. Die Angst vor dem unsichtbaren Virus verbindet sich mit dem Wunsch, konkrete Schuldige identifizieren zu können. Das ist ein Grundmechanismus antisemitischen Denkens.

          Diese angstgetriebene Aggression ist brandgefährlich. Die Geschichte hat gezeigt, dass schon bei Epidemien wie der mittelalterlichen Pest schnell die jüdische Bevölkerung verantwortlich gemacht wurde und ihrerseits zum Opfer von Pogromen wurde. Die Rassifizierung des modernen Antisemitismus im 19. Jahrhundert mündete im nationalsozialistischen Versuch, die jüdische Bevölkerung ganz auszulöschen. Auch nach 9/11 gab es einen signifikanten Anstieg antisemitischer Verschwörungsmythen. Heute werden wegen Verschwörunsideologien in Bezug auf die Corona-Krise neben orthodoxen Juden, Israelis und allgemein „den Juden“ auch asiatisch aussehende Menschen angegriffen.

          Dass eine solche Sündenbocksuche auch in der Gegenwart lebensbedrohliche Folgen haben kann, zeigen nicht zuletzt die jüngsten tödlichen Anschläge in unserem Land: Der Attentäter von Hanau etwa war auch Anhänger von „QAnon“, einer rechten Verschwörungs„theorie“ aus den Vereinigten Staaten, die auch hierzulande Anklang findet. Der Zusammenhang zwischen dem Glauben an Verschwörungen und Gewaltbereitschaft ist durch neueste Studien nachgewiesen. Besorgniserregend sind in diesem Zusammenhang Zahlen, die das Bundesinnenministerium seit 2017 unter dem Oberthema „Hasspostings“ veröffentlicht: Im Jahr 2018 wurden in diesem Bereich 1472 Straftaten registriert. Bei mehr als der Hälfte aller registrierten Hasspostings handelte es sich um Volksverhetzungen (58,8 Prozent), gefolgt von Beleidigungen und der öffentlichen Aufforderung von Straftaten.

          Deshalb ist es so wichtig, dass die Gesetzeslage hier rasch angepasst wird. Das Maßnahmenpaket der Bundesregierung zielt genau auf diese Problematik. Ich bin zuversichtlich, dass wir mit der Kombination von Repression und Aufklärung hier viel erreichen können. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich ein wachsender Teil der Gesellschaft in einen sich selbst referenzierenden, parallelen Nachrichtenkosmos zurückzieht, in dem Anhänger absurder und zersetzender Ideen sich fernab jeder Rationalität und gegen jede Realität gegenseitig bestärken und bestätigen.

          Es geht schließlich um den Zusammenhalt der Gesellschaft in Krisenzeiten. Dieser Zusammenhalt kann nicht von oben herab verordnet werden. Wir alle sind gefordert, in unserem Alltag zu reagieren, wenn wir mit Verschwörungsmythen und Judenhass konfrontiert werden. Hinterfragen Sie, mischen Sie sich ein! Jeder und jede Einzelne zählt in diesem Kampf, gegen Viren und gegen Antisemitismus gleichermaßen, für eine offene und solidarische Gesellschaft.

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