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Antisemitismus-Kommentar : Jeder ist gefordert

Ehrengäste jüdischen Glaubens nehmen am 31., Januar an einer Gedenkstunde des Bundestags an die Opfer des Nationalsozialismus teil. Bild: dpa

Mit einer Kippa kann man sich in diesem Land offenbar nicht mehr auf die Straße trauen. Um Vorurteile und Hass zu bekämpfen, ist vor allem eines nötig.

          In Bayern soll nach dem Willen der Landesregierung das Kreuz als „sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland“ im Eingangsbereich aller Behörden des Freistaats aufgehängt werden. Doch mit einer Kippa kann man sich in diesem Land offenbar nicht auf die Straße trauen. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland rät davon ab. Das gibt zu denken – und womöglich erfüllen Aktionen wie „Berlin trägt Kippa“ zumindest den Zweck, dass sich möglichst viele einmal kurz in die Rolle eines Angehörigen einer Minderheit hineinversetzen, die schon wegen des Tragens ihrer Symbole angefeindet wird.

          Um dem zu begegnen, bedarf es keines Sonderrechts, sondern der Durchsetzung des geltenden Rechts. Das Grundgesetz ist die Antwort auf die finsterste, noch immer präsente Zeit. Wer die Würde des Menschen, die Freiheit des einzelnen und die Gleichheit aller vor dem Gesetz nicht nur buchstabieren kann, sondern diese Werte verinnerlicht hat, mit dem kann man friedlich zusammenleben. Doch um Vorurteile und Hass zu bekämpfen, ist vor allem Bildung nötig: Information über das, was geschah und geschieht – hier wie im Nahen Osten. Leicht ist auch das nicht, denn auch umfangreicher Schulunterricht und Pflichtbesuche von Gedenkstätten führen, wie die Erfahrung zeigt, nicht zwingend zu einer aufgeklärten Sicht, die sich dann auch in entsprechendem Verhalten gegenüber dem Nächsten äußert.

          Wo der Staat nicht in Sicht ist oder wo das Recht nicht weiterhilft, weil die Meinungs- und die Kunstfreiheit zum Glück sehr weit gefasst sind, ist jeder Einzelne gefordert. Denn jeder ist schließlich in irgendeiner Form auch Angehöriger einer Minderheit oder kann es werden. Auch gesellschaftliche Ächtung hilft zur Sicherung notwendiger Tabus. Damit ist keine kleinkarierte Korrektheit gemeint, wohl aber das Aufzeigen von Grenzen, deren Beachtung für ein gedeihliches Miteinander nötig ist. Gut auch, wenn die Wurzeln dieses Landes herausgestellt werden, wie das im toleranten Bayern schon jetzt geschieht. Dabei muss das Bekenntnis zur eigenen Tradition stets so verstanden werden, dass es niemanden ausgrenzt, der hier in Würde, Freiheit und Gleichheit sein Glück machen will.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“, „Staat und Recht“ sowie Frankfurter Allgemeine Einspruch.

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