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Angriff auf Synagoge in Halle : Täter wurde von der Polizei angeschossen

Polizeibeamte sichern in Halle den Tatort am jüdischen Friedhof Bild: Reuters

Ein Rechtsextremist will schwer bewaffnet in eine Synagoge eindringen und scheitert. Dann erschießt er zwei Menschen. Als er später festgenommen wird, hat er am Hals eine Schusswunde.

          3 Min.

          In Halle an der Saale sind am Mittwoch bei einem Angriff, der mutmaßlich der jüdischen Gemeinde galt, eine Frau und ein Mann erschossen worden. Der Generalbundesanwalt hat die Ermittlungen an sich gezogen. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sagte: „Nach dem derzeitigen Stand der Erkenntnisse müssen wir davon ausgehen, dass es sich zumindest um einen antisemitischen Angriff handelt.“ Nach Einschätzung des Generalbundesanwalts gebe es ausreichend Anhaltspunkte für einen möglichen rechtsextremistischen Hintergrund.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Die Schüsse fielen gegen zwölf Uhr im Paulusviertel, nahe der Synagoge. Der Täter versuchte, in die Synagoge einzudringen, in der sich zu diesem Zeitpunkt etwa siebzig bis achtzig Personen befanden. Juden in aller Welt begingen am Mittwoch Jom Kippur, den höchsten Feiertag ihrer Religion.

          Der Täter schaffte es trotz zahlreicher Schussabgaben jedoch nicht, die Tür zu der Synagoge zu öffnen. Er erschoss eine Passantin, die an der Synagoge vorbeilief und später einen Mann in einem nahegelegen Döner-Imbiss. Später konnte der Täter im weiteren Umland von Halle festgenommen werden. Zuvor hatte er versucht, ein Auto zu erbeuten und hatte dabei zwei Personen verletzt.

          Synagoge war nicht geschützt

          Laut Sicherheitskreisen handelt es sich bei dem Täter um Stephan B. aus Sachsen-Anhalt. Der 27 Jahre alte Mann soll als Einzeltäter gehandelt haben. Aus Kreisen der Sicherheitsbehörden heißt es zudem, der Mann sei bisher nicht weiter polizeilich aufgefallen. In den Stunden nach der Tat waren die Sicherheitsbehörden zunächst von mehreren Tätern ausgegangen.

          Nach Informationen der F.A.Z. hat der Täter Stephan B. sich eine Schusswunde am Hals zugezogen. Die Sicherheitsbehörden vermuteten zunächst, dass der Täter vor seiner Festnahme Suizid begehen wollte. Der Täter kann jedoch sprechen und soll sich gegenüber den Ermittlern bereits zum Tatgeschehen eingelassen haben. Er gibt an, angeschossen worden zu sein.

          Der Täter nahm das gesamte Tatgeschehen zudem mit Hilfe einer Helmkamera auf Video auf und streamte seine Tat im Internet. Auch aus diesem Video ergeben sich klare Hinweise auf ein antisemitisches und rechtsextremes Motiv. Auf Ausschnitten des Videos ist zudem zu erkennen, dass der Täter schwer bewaffnet war und Sprengsätze mit sich führte.

          Bilderstrecke

          Die Polizei forderte die Menschen in Halle tagsüber dazu auf, in ihren Wohnungen zu bleiben oder sichere Orte aufzusuchen. Der Bahnhof wurde gesperrt, Fernzüge wurden umgeleitet. Auch die Menschen im nahen Landsberg wurden aufgefordert, ihre Wohnungen nicht zu verlassen. Zwischenzeitlich hatte die Polizei von mehreren Tätern gesprochen. Am Abend hob die Polizei die akute Gefährdungslage auf. Die Bundespolizei fahndete deutschlandweit auf den Verkehrswegen.

          In vielen Großstädten wurde die Sicherheit von Synagogen erhöht. Nach Informationen der F.A.Z. war die Synagoge in Halle zum Zeitpunkt des Angriffs nicht von der Polizei geschützt worden. Der Zentralrat der Juden erhob schwere Vorwürfe gegen die Behörden. Es sei skandalös und fahrlässig, dass die Sicherheitskräfte die Synagoge an solch einem hohen Feiertag nicht geschützt hätten.

          Zu den laufenden Ermittlungen sagte ein Sprecher des Generalbundesanwalts dieser Zeitung, es bestehe ein Tatverdacht wegen Mordes mit Staatsschutzcharakter. Die Karlsruher Ermittlungsbehörde kann die Verfolgung einzelner Gewalttäter an sich ziehen, wenn die innere Sicherheit bedroht ist und dem Fall eine besondere Bedeutung zukommt.

          „Tief betroffen und erschüttert“

          Die Bundesregierung zeigte sich bestürzt über die Vorfälle. Regierungssprecher Steffen Seibert sprach von „schrecklichen Nachrichten“. Dass es zwei Tote gebe, sei „entsetzlich“. Bundesinnenminister Seehofer sagte: „Ich bin über diese Tat zutiefst bestürzt und verurteile sie auf das schärfste“. Es handele sich um einen „abscheulichen Angriff auf unser friedliches Zusammenleben“. Er habe dem Innenminister in Sachsen-Anhalt jede erforderliche Unterstützung angeboten. Auch Außenminister Heiko Maas (SPD) zeigte sich bestürzt: „Dass am Versöhnungsfest #YomKippur auf eine Synagoge geschossen wird, trifft uns ins Herz.“

          Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) verurteilte die tödlichen Schüsse in Halle als „verabscheuungswürdige Tat“. „Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land“, erklärte er am Mittwoch in Brüssel. Seinen Aufenthalt dort brach er ab. Landesinnenminister Holger Stahlknecht (CDU) zeigte sich „tief betroffen und erschüttert“ über die Gewalttat in Halle.

          „Es ist schwer, in Worte zu fassen, was heute in Halle passiert ist und passiert“, erklärte Stahlknecht, der seinen Urlaub abbrach, um das weitere Vorgehen im Innenministerium zu koordinieren. Die Konferenz der Europäischen Rabbiner sprach nach dem Anschlag von einem „schändlichen Terrorakt“. „Es ist unfassbar, dass die Gewalt gegen Juden in Deutschland immer mehr zunimmt und ausgerechnet an Jom Kippur, dem jüdischen Versöhnungsfest, auf Menschen geschossen wird“, erklärte der Präsident, Pinchas Goldschmidt. Es handele sich um eine neue Dimension von Hass und Gewalt gegen Juden in Deutschland.

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