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Anschlag auf Synagoge in Halle : Die Grenze ist durchbrochen

Trauer in Halle an der Saale am Tag nach dem Anschlag Bild: EPA

Den Kampf gegen den Hass muss die ganze Gesellschaft führen. Auch und besonders im Netz. Extremisten suchen und finden dort alles, was sie für die Verwandlung in eine Mordmaschine brauchen.

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          Nicht jeder, der einen niederträchtigen Tweet absetzt, schießt hinterrücks einem Regierungspräsidenten in den Kopf. Nicht jeder, der im Netz Judenwitze reißt, packt danach Helm, Gewehr und Granaten ein, um in einer Synagoge ein Blutbad anzurichten. Doch kann man davon ausgehen, dass jeder der Mörder, die diese und andere Verbrechen begingen, im Netz unterwegs war, bevor er sich zu seiner Untat entschloss. Attentäter suchen dort nicht nach Kochrezepten und Katzenvideos. Sie surfen auf dunklen Seiten, um Bestätigung dafür zu finden, dass ihr Hass „berechtigt“ ist und sie nicht allein sind mit ihrer Wut auf wen auch immer. Nichts fällt in den unendlichen Weiten des Internets leichter als das.

          Das Netz stellt gerade auch den „einsamen Wölfen“ unter den Terroristen alles zur Verfügung, was für die Verwandlung in eine Mordmaschine nötig ist: Hassprediger jeglicher Couleur als Lieferanten des ideologischen Überbaus; Baupläne für Schusswaffen und Bomben; und überreichlich das Gefühl, sich endlich gegen eine „Bedrohung“ wehren zu müssen, die auch nach Meinung der vielen Gesinnungsgenossen, die sich nicht nur im Darknet tummeln, bekämpft werden muss.

          Die erste Kammer einer Kläranlage

          Diesen nicht immer nur anonymen Hetzern im Hintergrund muss der Rechtsstaat mindestens so entschieden entgegentreten wie jenen, die dann in Wahn und Verblendung zur Waffe greifen und auch ohne direkten Befehl das tun, was die Hintermänner des Hasses sich wünschen. Um diesen das schmutzige Handwerk zu erschweren, müssten nicht einmal unbedingt die bestehenden Gesetze geändert werden. Doch darf nicht länger der Eindruck Bestand haben, das Internet sei ein Raum, in dem man folgenlos tun und schreiben könne, was man wolle.

          Der Beschluss eines Berliner Landgerichts, wonach übelste Schmähungen der Grünen-Politikerin Künast „sachbezogene Kritik“ darstellten und damit zulässig seien, ist für die „Hater“ im Netz ein – hier ist der Begriff angebracht – innerer Reichsparteitag gewesen. Künast ist bei weitem nicht die einzige Politikerin, die mit derartigem Schmutz überzogen wurde. Jeder, der in der Öffentlichkeit sichtbar wird, kann von einem „Shitstorm“ getroffen werden, in dem die Beleidigungen und Diffamierungen keine Grenzen mehr kennen. Auch der elektronische Posteingang von Fernsehsendern und Zeitungshäusern sieht oft aus wie die erste Kammer einer Kläranlage.

          In der Politik und auch in den Medien wurde das zu lange hingenommen, weil im Netz „eben eine andere Kultur herrscht“ – und man auf deren Selbstreinigungskräfte setzte. In der Tat ist weder das Netz an sich böse, noch sind die allermeisten seiner User Bösewichter. Doch wird in vielen Foren und Debatten eine Sprache angeschlagen und toleriert, die nur selten Respekt für die Ansichten anderer erkennen lässt. Viel häufiger als Freude an konstruktiven Debatten ist dort die Lust am Niedermachen und Zerstören anzutreffen. Niedertracht findet sich auch außerhalb des Netzes. Auf seinen Seiten aber herrschen ideale Bedingungen für Wachstum und Verbreitung. Jeder kann mit theoretisch unbegrenzter Reichweite seinen Hass auf die Juden, die Muslime oder gleich die ganze Welt hinausschreien. Und was bekommt er dann in seiner Echokammer zu hören? Beifall.

          Der ermuntert nicht wenige zu immer übleren Tiraden – und einzelne dazu, es nicht beim Abfeuern von Schimpfwörtern zu belassen. Diejenigen, denen es nicht mehr genügt, ihre Gewaltphantasien am Computer auszuleben, übertragen ihre Mordtaten, wie jetzt auch der Attentäter von Halle, mit eigener Kamera direkt dorthin, wo sie sich am besten verstanden fühlen und als Helden gefeiert werden (so ihre Waffen nicht versagen): ins Internet. Dort findet die perverseste Form des „Ego-Shooters“ rasend schnell Verbreitung, wenn sie nicht sofort aus dem Verkehr gezogen wird.

          In diesem Schattenreich kam auch der Antisemitismus wieder so zu Kräften, dass er am 9. Oktober 2019 bis an die Zähne bewaffnet vor einer Synagoge in Halle erschien und auf offener Straße zu morden begann. Der Kampf gegen ihn, den Rassismus jeder Art und gegen die sich ausbreitende generelle Verachtung anderer Menschen und Meinungen darf nicht erst vor den Gotteshäusern und Dönerbuden beginnen. Die Attentate treffen einzelne Menschen und Gruppen, sind aber immer Angriffe auf die ganze Gesellschaft. Die muss sich daher auch als Ganze zur Wehr setzen und jederzeit, ob an den digitalen oder analogen Stammtischen, jene Zivilcourage zeigen, die der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Schuster, mit Recht einfordert.

          Mäßigung schadete freilich auch in den politischen Diskursen jener nicht, die sich für durch und durch gemäßigt halten. Auseinandersetzungen werden oft mit einer Giftigkeit geführt, die nicht nötig wäre. Die große Mehrheit der Bürger goutiert das nicht. Auch sie sollte sich allerdings weder im Netz noch in der analogen Welt zu jener Unkultur verführen lassen, die den Weg hin zu Mord und Totschlag ebnet. Die Grenze zwischen dem rhetorischen und dem körperlichen Niedermachen ist schon mehrfach durchbrochen worden.

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