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Anschlag in Dresden : Wurde ein homophobes Motiv verschwiegen?

  • -Aktualisiert am

„Erschreckend leise und auffallend still“ - Gedenken an das Opfer des Anschlags Bild: dpa

Fünf Wochen nach der Bluttat werfen Homosexuellengruppen die Frage auf, ob die Gesellschaft anders reagiert hätte, wenn das Motiv Antisemitismus oder Ausländerhass gewesen wäre.

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          Wo, fragt Seyran Ates mit fester Stimme ins Mikrofon, seien denn heute die Zehntausende Menschen, die nach der Ermordung von George Floyd in den Vereinigten Staaten auch in Deutschland auf die Straße gegangen sind? „Warum sind sie nicht hier?“, fragt die Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin. Die Reaktionen auf das Verbrechen in Dresden seien „erschreckend leise und auffallend still“.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Dabei habe sich hier genauso wie in Frankreich „der faschistische und menschenfeindliche Islam“ gezeigt. Sie wünsche sich, dass sich in der deutschen Politik und Zivilgesellschaft auch dagegen endlich wahrnehmbarer Protest erhebe. „Nicht nur schwarzes, auch weißes Leben zählt“, ruft Ates. „All lives matter!“

          Ates ist Geschäftsführerin der Berliner Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, die sich für einen liberalen Islam einsetzt. Die 57 Jahre alte Frau steht seit Jahren permanent unter Polizeischutz, auch am Sonntagabend, als sie auf dem Dresdner Altmarkt vor rund 200 Menschen spricht, die sich pandemiebedingt in großen Abständen zueinander zu einer Gedenkfeier und Protestveranstaltung versammelt haben. Mit Blumen und Kerzen stehen sie auf dem Platz und ehren damit die Opfer eines Verbrechens, das sich ziemlich genau fünf Wochen zuvor nur gut 50 Meter entfernt zugetragen hat. Zwei Männer, 53 und 55 Jahre alt, Touristen aus Nordrhein-Westfalen, waren an einem Sonntagabend auf dem Rückweg in ihr Hotel offenbar aus dem Nichts mit einem Messer angegriffen und so schwer verletzt worden, dass der ältere der beiden kurz darauf im Krankenhaus starb.

          Zwei Wochen später nahm die Polizei nach intensiver Fahndung einen 20 Jahre alten Mann aus Syrien als mutmaßlichen Täter fest, der 2015 als unbegleiteter Minderjähriger über die Balkan-Route eingereist war, den die Behörden als hochgradigen islamistischen Gefährder eingestuft hatten und der erst wenige Tage zuvor nach mehr als drei Jahren aus der Haft entlassen worden war.

          Von Anfang an Hinweise auf homophobes Motiv

          Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe übernahm die Ermittlungen wegen Terrorismusverdachts; über das Motiv des Täters aber gaben die Behörden bisher keinerlei Auskunft. Doch gab es von Anfang an Mutmaßungen, dass die Homosexualität der Opfer ausschlaggebend für den Angriff gewesen könnte. Inzwischen ist klar, dass die beiden Männer ein Paar waren. Medienberichten zufolge sollen sich beide unmittelbar vor der Attacke umarmt haben – wodurch sie sich dem Täter möglicherweise als Ziel offenbarten.

          Die Staatsanwaltschaft Dresden erklärte auf Nachfrage, dass sie sich nicht zur sexuellen Orientierung der Opfer äußere. Aus Ermittlerkreisen ist zu erfahren, dass zwar schnell klar gewesen sei, dass die Männer ein Paar waren, es jedoch keine Hinweise darauf gegeben habe, dass sie vor der Tat auch als solches erkennbar gewesen seien. Ein Vertreter des Generalbundesanwalts in Karlsruhe sagte gegenüber der F.A.Z., dass nach wie vor von einem „radikalislamistischen Hintergrund der Tat“ ausgegangen werde. Die konkrete Motivlage wiederum sei weiter Gegenstand der Ermittlungen.

          Dagegen protestierten am Sonntag auch Vertreter von Homosexuellenorganisationen entschieden. Es sei unverständlich, dass das so naheliegende Motiv bisher negiert werde. Hätte es sich bei den Opfern etwa um Menschen jüdischen Glaubens oder aus dem Ausland gehandelt und beim Täter nicht um einen Asylbewerber, wären sowohl Behörden als auch Politik wohl nicht so zurückhaltend gewesen, lautete der Tenor.

          Beißhemmungen bei der Verurteilung?

          „Es war ein heimtückisches Attentat, wahrscheinlich getrieben von Homophobie“, sagte Thomas Sattelberger, FDP-Bundestagsabgeordneter und Mitglied des Fördervereins der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, die sich gegen die Diskriminierung von Lesben und Schwulen einsetzt. Gewalt gegen Homosexuelle nimmt der Stiftung zufolge seit Jahren zu – nicht zuletzt auch durch radikale Islamisten. Sattelberger forderte, sowohl das mögliche Motiv wie in anderen Fällen klar zu benennen als auch eine politische Positionierung der Bundesregierung zu der Tat eines radikalen Islamisten – wie es der französische Präsident Emmanuel Macron getan hat.

          Mehrere Redner, darunter Bundestagsabgeordnete von FDP und SPD, verurteilten die Tat zudem als „Angriff auf unsere freie, offene Gesellschaft“ und forderten Behörden und Politik auf, Zurückhaltung oder gar „Beißhemmungen“ bei der Einordnung und Verurteilung abzulegen. Sie verstehe nicht, dass bei islamistischen Attentaten hierzulande „so beredtes Schweigen“ herrsche, sagte Ates unter Beifall. „Wo sind die queerpolitischen Sprecher der linken Parteien und der CDU, warum seid ihr so leise?“ Gegen den politischen Islam müsse der gleiche Widerstand wie gegen Rassismus und Rechtsextremismus geleistet werden.

          Sattelberger wertete die Ruhe als Angst vieler Politiker, dass ihnen die Differenzierung zwischen politischem und religiösem Islam nicht gelinge oder als Islamfeindlichkeit ausgelegt werde. Ates sagte, sie werde für ihre Forderungen heute weniger von Migranten als von Deutschen beschimpft, die ihr vorwürfen, islamfeindlich zu sein.

          „Wir sind hier, um der Opfer zu gedenken und um unsere Wut auszudrücken“, sagt der Chef des Christopher-Street-Day-Vereins Dresden, Ronald Zenker. „Die Tat trifft nicht nur eine Person, sie trifft uns alle.“ Und sie falle in eine Reihe mit den Taten von Nizza, Paris und Orlando. „Anhänger des sogenannten Islamischen Staats wollen unsere offene und vielfältige Gesellschaft treffen.“

          Die Vertreter legten deshalb am Sonntag nicht nur Kränze und Blumen am Ort des Angriffs nieder und gedachten der Opfer in einer Schweigeminute, sondern drückten in einem offen Brief an den Bundespräsidenten, Bundes- und Landesregierung sowie an die Stadt Dresden auch direkt ihre Erwartung aus, „Hassverbrechen“ wie dieses nicht länger unkommentiert zu lassen. Die Stadt Dresden reagierte prompt und ließ am Sonntag in Gedenken an die Opfer den Kulturpalast im Herzen der Stadt in Regenbogenfarben leuchten.

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