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Anschläge in Dresden : „Wir hätten alle sterben können“

Bild: dpa

Nach den beiden Anschlägen in Dresden geht die Polizei von fremdenfeindlichen Motiven aus. Verletzt wurde niemand. Doch im Gebäude der betroffenen Moschee befand sich zum Zeitpunkt des Angriffs die Familie des Imams.

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          Die Eingangstür des türkisfarbenen Flachbaus ist vollkommen verrußt, auch an der Hauswand zieht sich ein schwarzes Brandmal nach oben. „Ich habe Fernsehen geguckt, da hat es draußen geknallt“, sagt Ibrahim Ismail Turan aufgeregt am Telefon. Der Zehnjährige übersetzt für seinen Vater Imam Hamza Turan, der laut eigener Aussage zum Zeitpunkt des Anschlags in der Moschee war und dann in die Wohnung im gleichen Gebäude hinübereilte.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Drei Tüten mit insgesamt zwölf Flaschen seien auf die Tür geworfen worden, sie sollen mit einem Benzin-Gas-Gemisch gefüllt gewesen sein. Die Druckwelle demolierte die Tür, der Ruß zog auch nach drinnen. „Zum Glück haben nicht alle Flaschen gebrannt“, sagt der Sohn. Seine Mutter und der sechs Jahre alte Bruder seien im Bad gewesen. „Ich habe so laut geschrien, wir hätten alle sterben können.“

          Die Polizei wurde kurz vor 22 Uhr über die Rettungsleitstelle über die Explosion an der Moschee informiert. Die Beamten fanden dann schnell Reste eines selbstgebastelten Sprengsatzes. Etwa 20 Minuten später gab es eine weitere Explosion, diesmal auf der Terrasse des Internationalen Congress Centers im Zentrum der Stadt. Durch die Denotation zersplitterte ein Glasquader, über die Licht in den darunter liegenden Saal fällt. Die Polizei evakuierte daraufhin eine benachbarte Hotelbar und forderte die Hotelgäste mit Zimmern in Richtung Congress Center auf, sich nicht am Fenster aufzuhalten.

          „Beide Anschläge stehen in zeitlichem Zusammenhang“, sagte Dresdens Polizeipräsident Horst Kretzschmar. „Auch wenn bislang kein Bekennerschreiben vorliegt, müssen wir von einem fremdenfeindlichen Motiv ausgehen.“ Zugleich sehe er auch Verbindungen zu den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit am kommenden Wochenende. Die Innenstadt gleicht aus diesem Grund schon jetzt einer Hochsicherheitszone; rings um das Zentrum wurde ein Ring aus schweren Betonblöcken gelegt. Die Anschläge änderten nun die Einsatzvorbereitungen, sagte Kretzschmar. „Ab sofort arbeiten wir im Krisenmodus.“ Die beiden Dresdner Moscheen sowie andere gefährdete Objekte würden nun zusätzlich gesichert. Zugleich habe das für Extremismus zuständige Operative Abwehrzentrum die Ermittlungen übernommen.

          Der Sohn des Imams berichtet von einer Nachbarin, die vier Leute gesehen habe, die nach der Tat in einem Auto verschwanden. Die Familie habe die vergangene Nacht dann bei türkischen Freunden verbracht, sagt Ibrahim Ismail Turan, der in Dresden die 5. Klasse besucht. Gestern habe er große Angst gehabt. „Aber jetzt nicht mehr. Mein Vater hat gesagt, dass Gott uns hilft.“

          Die aus der Türkei stammende Familie lebt seit acht Monaten in Dresden, davor war sie anderthalb Jahren in Hessen. Dann habe sie Ditib, die Türkisch-Islamische Union für Religion, nach Sachsen geschickt, berichtet der Vater. Die Moschee liegt in einem ruhigen Wohnviertel im Westen Dresdens, sie wurde in der Vergangenheit jedoch schon mehrfach mit ausländer- und islamfeindlichen Parolen beschmiert. Jetzt wird sie bis auf weiteres von der Polizei bewacht.

          In einer ersten Reaktion verurteilte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) die Anschläge in seiner Heimatstadt als „empörend“. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sprach von „feigen Anschlägen auf die Religionsfreiheit und die Werte einer aufgeklärten Gesellschaft“. Er sei fassungslos, dass die Täter auch den Tod von in der Moschee lebenden Menschen in Kauf genommen hätten. Der innenpolitische Sprecher der Grünen im Sächsischen Landtag, Valentin Lippmann, sprach von „abscheulichen terroristischen Taten“, denen entschieden entgegengetreten werden müsse. „Wir dürfen nicht zulassen, dass sich derartige Taten wiederholen.“ Der SPD-Innenpolitiker Albrecht Pallas forderte, sich jetzt „nicht von Demokratiefeinden einschüchtern“ zu lassen. „Die Täter dürfen sich keinesfalls sicher sein, dass sie damit davonkommen“, sagte der innenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Christian Hartmann, warnte zugleich aber vor Panik und rief zur Besonnenheit auf.

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