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Ansbach nach dem Anschlag : Kopfsteinpflaster, Geranien und Terror

  • -Aktualisiert am

Antwort an die Terroristen: Ein Plakat in Ansbach Bild: dpa

Mit dem Selbstmordanschlag eines abgewiesenen Flüchtlings ist der internationale Terrorismus nach Ansbach gekommen. Wie gehen die Bewohner des mittelfränkischen Städtchens damit um?

          5 Min.

          Am Donnerstag, einen Tag bevor das Open-Air-Festival in Ansbach losgeht, schreibt ein Nutzer auf Twitter: „Super, am Sonntag kommt Gregor Meyle. Der knallt so richtig!“ Gut drei Tage später, es ist die Nacht von Sonntag auf Montag, schreibt derselbe Nutzer: „Ich glaube es nicht. Das ist so furchtbar. Das ist ja wie eine selbsterfüllende Prophezeiung.“ Nein, eine selbsterfüllende Prophezeiung war es bestimmt nicht. Aber was war es dann?

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Es ist Sonntag Abend, warm und trocken, das Festival wummert durch die Gassen. So berichten es Augenzeugen am Tag danach. Seit mehreren Jahren gibt es die Veranstaltung schon an der Reitbahn, einem schmalen Platz in der Altstadt von Ansbach, zu dem man nur über einige noch schmalere Zugänge gelangt. Umgeben ist das Areal von schön verzierten Häusern. Fränkisches Rokoko. Es gibt Touristen, die eigens nach Ansbach kommen, um sich das anzusehen. Am Sonntagabend sind etwa 2500 Männer, Frauen und Kinder zur Reitbahn gekommen, um die Musiker, auch Gregor Meyle, zu hören.

          Ein Mann hat sich in die Luft gesprengt

          Gegen 22 Uhr gibt es dann einen lauten Knall. So laut, dass man ihn noch in den Zimmern der Hotels, die am Rande der Altstadt liegen, gut hören kann. Einige, die weiter weg sind, denken zunächst an eine Gasexplosion. Die, die näher dran sind, sehen schnell: Ein Mann hat sich in die Luft gesprengt. In einem Rucksack hatte er eine Bombe mit Metallteilen deponiert und zündete sie, als ein Ordner ihn nicht durch einen der Rundbögen auf das Festivalareal lassen wollte. Der Attentäter ist sofort tot, zwölf Menschen werden verletzt. Das Konzert wird abgebrochen, die Besucher, die nicht verletzt wurden, gehen nach Hause.

          Viele Ansbacher haben gar nicht mitbekommen, was am späten Abend und in der Nacht passiert ist. Sie wachen am Montagmorgen auf und hören im Radio immer wieder in Wiederholung die Worte ihrer Oberbürgermeisterin Carda Seidel. „Die Verletzten wurden sofort sehr gut versorgt.“ Und: Es gebe niemanden, „der in direkter Lebensgefahr schwebt“. Die Oberbürgermeisterin hatte noch in der Nacht eilig eine Pressekonferenz einberufen, um die Presse und die Bürger zu informieren. Seidel sieht müde aus. So etwas hat Ansbach, ein Städtchen mit 40000 Einwohnern in Mittelfranken, noch nicht erlebt. Der Terror ist da.

          Schon wenige Stunden nach der Tat ist sich der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) ziemlich sicher, dass es ein „echter islamistischer Selbstmordanschlag“ ist. Sollte das wirklich so sein, wäre es der erste dieser Art in Deutschland. Herrmann kam in der Nacht aus Berlin, er war auf dem Weg nach München. Dort stand die ganze Stadtbevölkerung noch unter Schock, nachdem am Freitag ein Jugendlicher neun Menschen und schließlich sich selbst erschossen hatte. Das war ein furchtbarer Amoklauf, wissen die Ermittler heute. Ansbach scheint anders zu sein.

          Am Tag nachdem die Bombe explodierte, verfallen die Ansbacher nicht in Panik. Dabei haben auch sie die Bilder von Würzburg, Nizza, Paris und Brüssel im Kopf. Die Bürger sind besorgt, aufgebracht, verunsichert – aber nicht panisch. Vielleicht ist es bayerische Gelassenheit. Oder der Trotz. Der Tatort ist mit weiß-rotem Flatterband weiträumig abgesperrt, die Polizisten stehen an allen Zugängen zur Reitbahn. Vor ihnen haben sich Kamerateams aus Deutschland und aus aller Welt aufgebaut, einige kommen direkt aus München, wo sie vom Amoklauf berichteten. Die Journalisten pflichten den Ansbachern bei: „Das ist hart im Moment.“

          Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) spricht davon, dass Bayern „Tage des Schreckens“ erlebe. In Ansbach ist der größte Schreck, abgesehen von der eigentlichen Tat, dieser: Was hätte erst passieren können, wenn der Attentäter auf das Festivalareal gelangt wäre, wo die Menschen dicht an dicht standen? Und dass er das nicht schaffte, hatte nichts zu tun mit einem ausgefeilten Sicherheitskonzept während der Veranstaltung. Das gab es nämlich nicht. Es hatte ganz allein damit zu tun, dass ein Ordner beherzt zugriff und den Attentäter am Zugang hinderte, weil dieser zwar eine Bombe, aber keine Eintrittskarte bei sich hatte.

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