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Politik und Karneval : Jeder hat das Recht, durch den Kakao gezogen zu werden

Im Karneval: Kramp-Karrenbauer Bild: Reuters

Annegret Kramp-Karrenbauer wird wegen eines Spruchs im Karneval kritisiert. Dabei ist doch selbstverständlich: Auch der Umgang mit einer benachteiligten Gruppe kann eine komische Betrachtung wert sein.

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          Wenn Lachen zum Programm gehört und Fröhlichsein Pflicht ist, klingt das nach einer eher traurigen Veranstaltung. Norddeutsche Gemüter können mit Fasching und Karneval traditionell ohnehin eher nicht so viel anfangen. Politischer Karneval setzt dem ganzen dann die Krone auf. Ist nicht die Politik schon karnevalesk genug?

          Jedenfalls sind ein spritziger Wahlkampfauftritt eines Vollblutpolitikers oder eine bemüht staatstragende Rede eines nicht so beschlagenen Ministers in der Regel komischer als das meiste von dem, was zwanghaft in der Bütt ausgestoßen wird. Dass der Karneval auch eine bierernste Veranstaltung ist, zeigten kürzlich die Reaktionen auf die Dame, der ein Doppelnamen-Witz nicht gefiel und die deshalb den Spaßmacher auf offener Bühne zur Rede stellte. Offenbar ein Tabubruch sondergleichen: Man darf nicht aus der Rolle fallen.

          Dass man allerdings ausgerechnet in den sogenannten tollen Tagen nicht versuchen dürfe, über Minderheiten Witze zu machen, das wäre dann doch neu. Es stimmt schon: Von seinem Ursprung her hat der Karneval etwas Revolutionäres. Schon im Altertum tauschten an bestimmten Tagen Herr und Knecht die Rollen, auch im Mittelalter wurde die Obrigkeit parodiert. Insofern wäre es womöglich angebrachter gewesen, wenn die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer Bundeskanzlerin Angela Merkel persifliert, den Bundespräsidenten und seine Mullahs auf die Schippe genommen oder ihr lustiges Völkchen der Saarländer veräppelt hätte. Stattdessen bemühte sie die „Latte-Macchiato-Fraktion“ (trinkt die nicht schon wieder Filterkaffee?) und machte einen Spruch über das „dritte Geschlecht“, unentschlossene Männer und die Toilettenpolitik. Karnevalsniveau halt.

          Abgesehen davon, dass heute zum Glück keine Minderheiten mehr verfolgt und jeder geradezu ein Recht darauf hat, durch den Kakao gezogen zu werden: Auch der Umgang mit einer benachteiligten Gruppe kann selbstverständlich eine komische Betrachtung wert sein. Es stellt sich heute tatsächlich die Frage, ob aus einer Antidiskriminierungspolitik nicht Gleichmacherei und eine Privilegierungspolitik geworden ist. Das ist ein Thema für Politik und Parlamente – und deshalb auch für politischen Karneval. Es zeigt sich aber: Politiker können im Karneval kaum gewinnen, nur verlieren. Fast wie im richtigen Leben.

          Reinhard Müller
          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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