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Annegret Kramp-Karrenbauer : Merkel in Reserve

Pragmatisch mit konservativen Reflexen

Kramp-Karrenbauer bedient mitunter jene konservativen Reflexe, zu denen die Kanzlerin entweder nicht willens oder nicht in der Lage ist. Für Merkel, die ihre Nachfolge gern aus eigener Kraft regeln würde, hat Kramp-Karrenbauer deshalb den Charme der Universalität: pragmatisch genug, um Merkels Politik unideologisch fortzuführen, aber auch konservativ genug, um endlich jene Akzente zu setzen, die viele in der CDU sich so erhoffen.

Dass Merkel Kramp-Karrenbauer nach Berlin holen könnte, galt in CDU-Kreisen deshalb schon länger als denkbar – auch wenn es dazu in der Saar-CDU heißt, das sei „intern nie ein Thema“ gewesen. Als überregionale Medien schon vor Längerem berichteten, Merkel habe Kramp-Karrenbauer als ihre Kronprinzessin auserkoren und wolle sie als mögliche Nachfolgerin als CDU-Vorsitzende und Kanzlerin aufbauen, fühlte sich „AKK“ zwar sichtlich geschmeichelt, lächelte solche Spekulationen sonst aber weg. Noch im Oktober sagte sie in einem Gespräch mit der F.A.Z. auf die Frage, ob sie in jedem Fall in Saarbrücken bleiben wolle, das Saarland sei mit Peter Altmaier in der Regierung bereits gut vertreten und sie gehe davon aus, „dass dies auch so bleiben wird“.

Der scheidende Generalsekretär Peter Tauber mit Merkel und Kramp-Karrenbauer

Schon der Regionalproporz, hieß das, spreche gegen eine Berufung ins Kabinett. In der Tat wären zwei Saarländer am Kabinettstisch angesichts der Kritik an Merkel, sie hole zu wenig junge Talente und vor allem keinen Ostdeutschen in die Regierung, für die Kanzlerin schwer zu rechtfertigen. Deshalb kursierten in CDU-Kreisen in den letzten Tagen schon Planspiele, Merkel könne Kramp-Karrenbauer erst nach einer möglichen Kabinettsumbildung im kommenden Jahr nach Berlin holen, wenn Altmaier womöglich als EU-Kommissar nach Brüssel wechsle.

Mit dem Posten der Generalsekretärin, den Merkel Kramp-Karrenbauer nun auf deren Vorschlag hin angeboten hat, umschifft die Kanzlerin die Proporz-Debatte. Vor allem aber gibt der Posten Kramp-Karrenbauer die Möglichkeit, sich in der Partei noch dichter zu vernetzen und bundespolitisch an Profil zu gewinnen, ohne gleich die Last eines Fachministeriums auf den Schultern zu tragen. Als Generalsekretärin kann sie sich in der Abteilung Attacke üben und das konservative Herz der CDU für sich zu erwärmen versuchen.

„AKK“ setzt alles auf eine Karte

Kramp-Karrenbauer, die im Saarland unangefochten ist, wird für das Experiment in Berlin ihr Amt als Ministerpräsidentin aufgeben und an den jungen CDU-Politiker Tobias Hans übergeben. Das ist ein so hoher Preis, dass es schwer fällt, dahinter keinen länger angelegten Plan zu vermuten. Die Saarländerin dürfte künftig immer die erste sein, deren Name bei Spekulationen über die mögliche Merkel-Nachfolge fällt.

Doch das Risiko für „AKK“ ist groß: Außerhalb des Saarlandes ist sie nur wenig bekannt, und anders als in Saarbrücken verfügt sie in Berlin über keine eigene Hausmacht. Auch wird die große Frage der kommenden Monate sein, ob es in der CDU wirklich noch von Vorteil ist, eine von Merkels Vertrauten zu sein. Nicht nur Spahn, der junge konservative Hoffnungsträger, sondern auch der wirtschaftspolitische Flügel generell dürfte Kramp-Karrenbauers Berufung mit Argusaugen verfolgen. Auch die Kritik, eine 55 Jahre alte Generalsekretärin stehe kaum für den Generationswechsel in der CDU, den viele sich so sehnlich erhoffen, wird in den kommenden Wochen nicht eben leiser werden.

Doch Merkel ist offenkundig gewillt, diese Debatte auszuhalten, solange sie noch im vollen Besitz ihrer politischen Kräfte ist. Dass sie Kramp-Karrenbauer nach Berlin holt, kann auch als kämpferisches Zeichen an ihre parteiinternen Kritiker gelesen werden, die eine Revolte von unten einem verordneten Machtübergang von oben vorziehen würden.

Auch Kramp-Karrenbauer kann viel verlieren, aber eben auch viel gewinnen. Mancher stellte am Montag die Frage, ob das nicht ein Abstieg sei: von der Ministerpräsidentin zur Generalsekretärin. Das wäre er aber nur, wenn die Wette, dass daraus noch viel mehr erwachsen kann, nicht aufginge. Annegret Kramp-Karrenbauer setzt alles auf eine Karte. Das hat sie in ihrer politischen Karriere aber ja schon öfter getan.

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