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Liebling der Parteibasis : Annalena Baerbock wird Kanzlerkandidatin der Grünen

Annalena Baerbock am 29. März in Berlin Bild: dpa

Die Grünen gehen mit Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin in den Wahlkampf. Für ihre Sachkompetenz wird sie stets gelobt, doch stand sie lange im Schatten ihres Ko-Vorsitzenden Robert Habeck. Nun ist sie die Nummer eins.

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          Annalena Baerbock hat das Versprechen eingelöst. Sie wolle nicht „die Frau an Roberts Seite“ sein, sagte sie vor gut drei Jahren bei ihrer Wahl zur Parteivorsitzenden der Grünen. Nun steht sie vor ihm. Baerbock ist Kanzlerkandidatin, die erste in der Geschichte der Partei. Formal hat die Grünen-Spitze am Montagvormittag dem Parteitag im Juni nur einen Vorschlag unterbreitet, doch es gilt als sicher, dass die Delegierten das Ergebnis bestätigen. Es gab ja noch nicht einmal die leiseste Kritik daran, dass Baerbock und der Ko-Vorsitzende Robert Habeck die Entscheidung zu zweit treffen.

          Helene Bubrowski
          (bub.), Politik

          Nur die engsten Vertrauten kannten das Ergebnis, nichts war nach außen gedrungen. Auch das hat es in der Geschichte der Grünen noch nicht gegeben. Habeck wurde am Montag bei der Verkündung von Barbocks Kanzlerkandidatur nicht müde, den neuen, kooperativen Führungsstil zu loben, den die beiden etabliert hätten, „dass man aneinander wächst und sich nicht gegenseitig die Beine wegtritt“, sagte Habeck. „Ich glaube, das hat der Partei gut getan.“

          Für die 40 Jahre alte Baerbock spricht, dass sie eine Frau ist. Bei den Grünen ist das ein wichtiges Argument, schließlich ist nicht nur jede Liste – ob die Kandidatenliste für eine Wahl oder die Rednerliste auf dem Parteitag – streng quotiert, und immer stehen Frauen auf Platz eins.

          Aus dem Schatten Habecks getreten

          Feminismus gehört zu den Grundprinzipien der Grünen. Es wäre schwierig geworden zu erklären, dass ausgerechnet die Person, die sich nach derzeitiger Lage tatsächlich Chancen auf das Kanzleramt ausrechnen kann, ein Mann sein soll. Zumal alle anderen Parteien mit Männern antreten. Erschwerend kommt hinzu, dass bei den Grünen schon bislang alle wirklich einflussreichen Posten an Männer gingen – Joschka Fischer war Vizekanzler und Außenminister, Winfried Kretschmann ist baden-württembergischer Ministerpräsident.

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          Baerbock hatte in den vergangenen Monaten allerdings immer abgelehnt, die „Frauenkarte“ zu spielen. Sie weiß, dass das Etikett der Quotenfrau in der Rolle der Kanzlerkandidatin nicht hilfreich ist. Und tatsächlich hat sie noch einiges mehr zu bieten. Als sie vor drei Jahren als Parteivorsitzende antrat, war sie weitgehend unbekannt, doch schnell ist sie aus dem Schatten Habecks herausgetreten.

          Schon ein Jahr nach ihrer Wahl wurde sie häufiger in Talkshows eingeladen als er. Sie steht im Ruf, in Fachfragen kompetenter zu sein als er. Dass sie sich selbst als „Völkerrechtlerin“ bezeichnet, mag nach einem einjährigen Studium in London ein wenig großspurig klingen. Aber sie kennt sich aus in der Außen- und Europapolitik. Sie kann die Details des Kohleausstiegs runterbeten und hatte damit schon FDP und Union bei den Sondierungen 2017 beeindruckt.

          Liebling der Parteibasis

          Zur Organspende hat sie einen Gesetzentwurf erarbeitet, für den es im Bundestag eine Mehrheit gab. In der Corona-Pandemie setzte die verheiratete Mutter zweier kleiner Kinder einen stärkeren Fokus auf die Belastungen für Familien. Baerbock mag es nicht, wenn sie auf ihre Sachkompetenz beschränkt wird. Grüne verweisen auch auf ihr Verhandlungsgeschick, ihre Durchsetzungskraft. Rhetorisch kommt sie allerdings nicht an Habeck heran. Vor allem in Online-Formaten wollten ihre Reden nicht so recht zünden.

          In den meisten Umfragen lag Baerbock zuletzt noch kurz hinter Habeck. Wurden nur Grüne befragt, sah das aber anders aus. Baerbock ist der Liebling der Parteibasis. 2019 wurde sie mit 97 Prozent als Parteivorsitzende bestätigt, mit demselben Ergebnis wählten die Brandenburger sie auf Platz eins der Landesliste. Baerbock, 1980 in der Nähe von Hannover geboren, ist auch in der Fraktion bestens vernetzt. Seit 2013 gehört sie dem Bundestag an, zuvor war sie nach einem politikwissenschaftlichen Studium einige Jahre als Referentin im Europaparlament und später Landesvorsitzende der Grünen in Brandenburg. Ihr großes Manko: Sie hat noch keine Regierungsverantwortung. Es wird nicht leicht, die Bevölkerung davon zu überzeugen, ihr das wichtigste Amt in Deutschland trotzdem anzuvertrauen.

          Genau diese Schwäche griff Baerbock bei der Verkündung ihrer Kandidatur am Montag selbst auf. „Ja, ich war noch nie Kanzlerin, auch noch nie Ministerin.“ Aber Politik lebe vom Wechsel. „Ich trete an für Erneuerung, für den Status quo stehen andere“, sagte sie schon in präsidialem Duktus, als Habeck ihr die Bühne allein überlassen hatte, und schwärmte von den vielen Möglichkeiten und der Kraft, die das Land habe. „Wir haben das Auto erfunden und das Fahrrad.“, sagte sie. „Ich will, dass wir all das entfesseln.“ Sie sprach nicht nur über grüne Kernthemen, sondern auch über die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie und den Mittelstand. Deutschland brauche einen Neuanfang, Investitionen in die Infrastruktur und eine schnellere Digitalisierung. „All das verlangt Veränderungen.“ Mit den Grünen werde es einen anderen Politikstil geben – miteinander und nicht gegeneinander.

          Habeck versprach derweil, seine Regierungserfahrung zu nutzen, um die Partei auf künftige Aufgaben und spätere Koalitionsverhandlungen vorzubereiten. „Es wird ein harter Wahlkampf werden“, prophezeite er. „Wir kämpfen um das Kanzleramt.“ Auch er habe die Kandidatur gewollt, „aber am Ende kann es nur eine machen“, und das sei Annalena Baerbock.

          Mehrfach lobte Habeck die Gemeinschaftlichkeit, die die Grünen so erfolgreich gemacht habe. Immer wieder hätten die beiden in den vergangenen Monaten die Kandidatenfrage vertraulich besprochen, sagte auch Baerbock. Die Entscheidung hätten sie bereits vor Ostern getroffen.

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