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Grüne stellen Wahlplakate vor : Sie wollen Stimmen sammeln wie Eichhörnchen Nüsse

Grünen-Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfleiter Michael Kellner stellt am Montag in Berlin die Wahlkampagne der Partei vor. Bild: AFP

Die Grünen präsentieren ihre Wahlplakate. Für alle Generationen ist irgendetwas dabei. Ein Schwerpunkt auf Kanzlerkandidatin Baerbock ist nicht zu erkennen.

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          Die Wahlplakate der Grünen überraschen weder durch ihre Farbe noch durch ihre Inhalte. Sie sind grün, wenn auch ein wenig pastelliger als das bekannte Grünen-Grün. Auf grünen Rasenflächen stechen sie nicht gerade hervor, wie die SPD sogleich frohlockte. Thematisch geht es um Klimaschutz, Artenschutz, soziale Gerechtigkeit und zum Teil auch einen Aufbruch ohne ein spezifisches Ziel.

          Helene Bubrowski
          Politische Korrespondentin in Berlin.

          „Unser Land kann viel, wenn man es lässt“, dahinter das freundlich lächelnde Spitzenduo Annalena Baerbock und Robert Habeck. Auf sperrige Wortgeschöpfe aus dem Parteiprogramm wie den klimagerechten Wohlstand verzichtet die Kampagne, die der grüne Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfleiter Michael Kellner am Montag vorstellte. Auf dem Plakat, das am häufigsten bestellt wurde, steht: „Klima und Wirtschaft ohne Krise“, dazu ein Bild von Baerbock.

          Werben für die Briefwahl

          Die Grünen wollen die Generation 60 gezielt umwerben, ebenso die Erstwähler. Der Wahlkampfslogan „Bereit, weil ihr es seid“, den die Grünen schon vor einigen Wochen vorgestellt hatten, findet sich auf allen Plakaten, außerdem ruft ein Kreis zur „Briefwahl jetzt“ auf. Zuletzt hatten viele Grünen-Wähler per Brief gewählt. Überraschend ist also auch das nicht, höchstens das Gleichnis, das Kellner dazu einfiel: „Wie ein Eichhörnchen Nüsse für den Winter sammelt, wollen wir Stimmen sammeln für Regierungsverantwortung.“

          Interessanter ist, was sich nicht auf den Plakaten findet: das Wort Kanzlerkandidatin genauso wenig wie Kanzleramt oder Platz eins. Die meisten Plakate zeigen Baerbock und Habeck oder Kinder, Familien, Senioren. Baerbock gibt es auch allein, aber Habeck auch. Ein Schwerpunkt auf der Kanzlerkandidatin ist nicht zu erkennen.

          Auf die Frage nach dem Warum gab Kellner keine klare Antwort. Es gehe um einen „Richtungswahlkampf“, „die Grünen fordern die Union heraus“. Umso mehr, so könnte man meinen, müsste die Partei doch den Willen vermitteln, das Kanzleramt zu erobern. Auch wenn dieser Anspruch angesichts der neuesten Umfragen reichlich großspurig klingt – sie sehen die Partei unter 20 Prozent, nicht mehr im Kampf um Platz eins, sondern um Platz mit der SPD.

          Hat man in Anbetracht dessen bewusst darauf verzichtet? Kaum vorstellbar. Die Kampagne wurde entwickelt, bevor die Fehler im Lebenslauf Baerbocks und die plagiierten Textstellen in ihrem Buch entdeckt wurden. Möglicherweise schieben die Grünen aber noch eine Kanzlerinnen-Offensive nach. Es werde im Wahlkampf-Endspurt „noch weiter personalisiert und zugespitzt“, sagte Kellner, außerdem werde es noch Fernsehspots geben. Doch es klingt so, als wolle man erst abwarten, wie sich die Dinge entwickeln.

          Sie wollen heraus aus der Trotzecke

          Wobei die Grünen diese Entwicklung gern zu ihren Gunsten beeinflussen wollen. Mit „Freundlichkeit und Freude und der Leichtigkeit des Sommers“ könne ein fulminanter Wahlkampf noch gelingen, so Habeck jüngst in der Süddeutschen Zeitung, als er den Parteifreunden nahelegte, statt einer „kläffenden“ eine „umarmende, einladende Politik“ zu betreiben. Entsprechend findet sich auf der Internetseite unter den Informationen zur Bundestagswahl der Link „Unsere Einladung“. Die Grünen möchten aus der Trotzecke herauskommen, in die sie sich mit Aufkommen der Vorwürfe begeben hatten. Baerbock sprach sogar von „Schützengräben“.

          Die Grünen hatten Kritikern „Rufmord“ und eine „Dreckskampagne“ vorgeworfen. Seit einigen Tagen drehen sie bei. Baerbock will prüfen lassen, ob ihr Promotionsstipendium mit einer Aufwandsentschädigung als Landesvorsitzende in Brandenburg in Einklang steht. Doch die Partei ringt weiter damit, wie sie mit der Union umgehen soll.

          Kellner mahnte: „Wo es nötig ist, kritisieren wir hart in der Sache, aber fair im Ton.“ „LaschetWelle“, so Kellner, „ist nicht unser Ton.“ Unter diesem Hashtag wird der nordrhein-westfälische Ministerpräsident wegen seiner Corona-Politik für künftige Infektionen verantwortlich gemacht, auch Grüne beteiligten sich. Eine ähnliche Entgleisung hatte sich kürzlich Oliver Krischer, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende, geleistet, der Laschet wegen seiner Klimapolitik die Schuld für Tote in Kanada gegeben hatte.

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