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F.A.Z.-Machtfrage : Überschätzt, unterschätzt

Erst kam der Hype, dann die erste Enttäuschung: Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock Bild: EPA

Der erste Hype um Annalena Baerbock ist vorbei, da holt Armin Laschet plötzlich auf – den viele im Vergleich zu Söder noch als blass verschmähten. Was sagt uns das über den Wert von Umfragen und Stimmungen im Bundestagswahlkampf?

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          Kennen Sie das nicht auch? Dass man unweigerlich zu vergleichen beginnt, wenn sich eine neue Epoche anbahnt? Auf was habe ich mich einzustellen? Wo sind die Kontinuitäten, wo die Brüche? Wird es besser, wird es schlechter? Auch vor Bundestagswahlen stellen sich viele Deutsche diese Fragen, und vor dieser ganz besonders: Nach 16 Jahren endet im Herbst die Ära von Angela Merkel – und als ich die Kanzlerin in den letzten Tagen noch einmal in ihrem natürlichen Habitat beobachtet habe, als immer noch mächtigste Frau Europas auf dem G-7-Gipfel in Cornwall und danach bei der Nato in Brüssel, ertappte auch ich mich bei dem Gedanken:

          Oliver Georgi
          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.

          Wie werden solche Gipfel ab dem kommenden Jahr aussehen? Wer wird künftig für Deutschland und Europa nächtelang verhandeln, paktieren, sich gegen Staatschefs und Autokraten behaupten müssen, deren Auftreten mit „robust“ noch verhalten umschrieben ist? Armin Laschet? Olaf Scholz? Oder doch Annalena Baerbock von den Grünen, die auf dem Parteitag am Wochenende mit einem „mea culpa“ versucht hat, die Patzer um Nebeneinkünfte und Lebenslauf vergessen zu lassen und wieder die Leidenschaft zu entfachen, die ihre Anhänger nach ihrer Kür zur Kanzlerkandidatin erfasst hatte?

          Die Messlatte liegt ziemlich hoch

          16 lange Jahre hat Merkel Deutschland – auch auf der internationalen politischen Bühne – entscheidend geprägt. Da ist es ganz normal, dass die Vorstellung, jemand anderes als eine ostdeutsche Pfarrerstochter aus der Uckermark könne mit Putin, Erdogan, Xi Jinping oder dem amerikanischen Präsidenten über die Krisen dieser Welt verhandeln, erst einmal irritiert: Die Messlatte liegt schlicht ziemlich hoch.

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          Allerdings kam auch Angela Merkel nicht als international geschätzte Krisenmanagerin und „mächtigste Frau der Welt“ (Forbes Magazine) ins Kanzleramt. Im Gegenteil: Als vor nunmehr bald 23 Jahren die Ära von Helmut Kohl endete und eine junge Ministerin aus seinem Kabinett zur CDU-Generalsekretärin und knapp zwei Jahre später zur CDU-Vorsitzenden gewählt wurde, fragten sich viele, ob Merkel das überhaupt könne – sich als Frau unter so vielen machtbewussten Alphatieren zu behaupten.

          Doch schon, als Merkel in den Jahren danach einen nach dem anderen männlichen Konkurrenten von Roland Koch über Norbert Röttgen bis Friedrich Merz aus der ersten und zweiten Reihe verdrängte, wurde klar: Diese Ostdeutsche war mehr als nur eine politische Eintagsfliege. Und spätestens, als sie sich als Kanzlerin als harte, durchsetzungsstarke europäische Krisenmanagerin zeigte, begriffen selbst jene Zweifler, die ihr derlei nie zugetraut hätten, widerwillig: Sie will es – und sie kann es auch.

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