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Anklage im Tiergarten-Mord : Berlin muss reagieren

Beamte sichern kurz nach der Tat Spuren im Kleinen Tiergarten in Berlin. Bild: dpa

Lange hat die Bundesregierung zurückhaltend auf den mutmaßlichen russischen Auftragsmord im Tiergarten reagiert. Doch nun hat der Generalbundesanwalt Anklage erhoben. Die Indizien scheinen erdrückend.

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          Über viele Monate musste sich die Bundesregierung fragen lassen, warum sie so zurückhaltend auf einen Mord im Herzen Berlins reagiert hat, der offensichtlich vom Kreml in Auftrag gegeben wurde. Ein Teil der Antwort bestand darin, dass es in einem Rechtsstaat üblich sei, dass die Justiz ihre Arbeit ohne politische Einmischung tue und man deshalb in ein solches Verfahren nicht eingreife. Wenn aber der Generalbundesanwalt, der oberste Ankläger der Republik, im sogenannten Tiergartenmord Anklage erheben werde, dann sei ein neuer, ein springender Punkt erreicht, auf den Berlin reagieren werde.

          Markus Wehner
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          An diesem Donnerstag war es soweit: Generalbundesanwalt Peter Frank hat Mordanklage gegen den Russen Wadim Krassikow erhoben. Der soll vor zehn Monaten im Berliner Tiergarten einen georgischen Staatsbürger erschossen haben, den Tschetschenen Selimchan Changoschwili. Und der Generalbundesanwalt ließ keinen Zweifel daran, dass er der russischen Regierung einen Auftragsmord vorwirft. „Staatliche Stellen der Zentralregierung“ Russlands hätten dem Angeschuldigten den Auftrag erteilt, sein Opfer „zu liquidieren“, heißt es in einer Mitteilung der Karlsruher Behörde. Außenminister Heiko Maas nannte die Sache „äußerst schwerwiegend“. Er drohte Moskau mit „weitergehenden Maßnahmen“.

          Der Täter hatte sich seinem Opfer am 23. August 2019 in der Parkanlage Kleiner Tiergarten auf dem Fahrrad genähert und Changoschwili mit einem Schuss in die Schulter aus einer mit Schalldämpfer bestückten Pistole des Typs „Glock 26“ zu Boden gestreckt, bevor er ihn mit zwei Schüssen in den Kopf tötete. Auf seiner Flucht wurde von zwei Jugendlichen beobachtet, wie er sich umzog, sein Fahrrad und einen Beutel mit einer Perücke und der Waffe in die Spree warf. Die Jugendlichen, die sich nicht abschütteln ließen, alarmierten die Polizei. Sie konnte Krassikow festnehmen, bevor er mit einem im Gebüsch versteckten Roller seine Flucht fortsetzen konnte. Seitdem sitzt der Mann in Untersuchungshaft – und schweigt.

          Die Indizien erscheinen erdrückend

          Das Opfer Selimchan Changoschwili, der auch einen Pass auf den Namen Tornike Kawtaraschwili besaß, war der russischen Regierung offenbar ein Dorn im Auge. Er hatte im zweiten Tschetschenienkrieg in den Jahren 2000 bis 2004 eine Miliz angeführt, die unter dem Kommando des berüchtigten Schamil Bassajew gegen Russland kämpfte – Bassajew galt der russischen Führung damals als Staatsfeind Nummer eins. Im Jahr 2008 stellte Changoschwili, der aus dem georgischen Pankisi-Tal stammte, eine Einheit von Freiwilligen zusammen. Sie sollten im russisch-georgischen Krieg an der Verteidigung der Teilrepublik Südossetien teilnehmen, kamen aber wegen des raschen Kriegsendes nicht mehr zum Einsatz. Später arbeitete er für Sicherheitsdienste Georgiens und der Ukraine, möglicherweise auch für amerikanische Dienste.

          Die Indizien, dass der Mörder im Auftrag der russischen Regierung handelte, erscheinen erdrückend. So reiste Krassikow unter dem falschen Namen „Wadim Sokolow“ ein, allerdings mit einem echten Pass, der erst am 18. Juli 2019 durch die russische Einwanderungsbehörde ausgestellt worden war. Mit diesem Pass hatte er im französischen Generalkonsulat in Moskau am 30. Juli ein Schengen-Visum erhalten. Die Fax-Nummer seines Visumsantrags hatte zu einem Tarnunternehmen des russischen Verteidigungsministeriums geführt.

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