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Anklage gegen früheren Wulff-Sprecher Glaeseker : Ohne jeden Drang nach Luxus

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Seit 2004 besuchte Glaeseker immer wieder seinen Freund Schmidt, der in Spanien und Frankreich lebt. Auch nachdem Glaeseker von Wulff entlassen wurde, setzten die beiden ihre gegenseitigen Besuche fort. Dabei wohnten sie jeweils im – durchaus nicht luxuriösen – Heim des anderen und nicht in Feriendomizilen. Die Kosten für gemeinsame Mahlzeiten teilten sie sich. Es gibt Hinweise, dass Mitbringsel und Auslagen Glaesekers den gleichen Wert hatten wie die Vorteile durch die private Unterbringung und Flugbuchungen. Wie eng die Vertrautheit zwischen Schmidt und dem Ehepaar Glaeseker ist, zeigte sich auch darin, dass Glaesekers Frau Vera aufgrund von extremer Flugangst fast nur dann zu Flugreisen bereit war, wenn es – wie erstmals im Jahr 2005 – darum ging, den gemeinsamen Freund Schmidt zu besuchen.

Zeugen sagen, Glaeseker sei kein „Einzeltäter“ gewesen

Als die Staatsanwälte die Wohnung des Ehepaares Glaeseker in Steinhude durchsuchten, deuteten äußere Umstände darauf, dass Glaeseker an Luxus und Wohlleben wenig liegt. Ermittler sagten nach der Durchsuchung, sie hätten keine Anhaltspunkte dafür, dass die Eheleute Glaeseker empfänglich gewesen seien für etwaige Verlockungen und Versuchungen eines Luxuslebens. Glaesekers Auto ist ein fünf Jahre alter italienischer Kleinstwagen. Er war der einzige Staatssekretär der Staatskanzlei, der auf einen ihm zustehenden Fahrer verzichtete. Ebenso sollen die privaten Wohnhäuser Schmidts, in die er Glaeseker lud, alles andere als luxuriös gewesen sein. Zeugen beschrieben sie gegenüber den Staatsanwälten allenfalls als Häuser von gehobenem Standard.

Zeugen widersprachen der These, Glaeseker sei ein „Einzeltäter“ gewesen. Genau das aber soll Wulff nach übereinstimmenden unbestrittenen Presseberichten in seiner Vernehmung durch die Ermittler behauptet haben. Wulff verband dies angeblich mit der Aussage, seine Beziehung zu Glaeseker, der 13 Jahre lang sein Berater war, sei kein enges Vertrauensverhältnis gewesen. Zuvor hatte Wulff mehrfach, auch gegenüber dieser Zeitung und in einem Fernsehauftritt, Glaeseker als seinen „siamesischen Zwilling“ bezeichnet. Wulff behauptete zudem, er habe von den Reisen Glaesekers zu Schmidt – den Wulff gut kannte – angeblich nichts gewusst, obwohl Wulffs frühere Frau und seine Tochter das Ehepaar Glaeseker bei einem Besuch in Schmidts Haus begleitet hatten. Zudem hatten Wulff und Glaeseker während des Urlaubs bei Schmidt miteinander telefoniert, wie mehrere Zeugen bestätigten. Manches spricht dafür, dass Glaeseker – entgegen der Behauptung Wulffs – die Sponsoren für die „Nord-Süd-Dialoge“ nicht in erster Linie aus eigenem Antrieb einwarb, sondern mit Wissen von Wulff, der die Veranstaltung als im Landesinteresse eingestuft haben soll. Wulff bestreitet seine Mitwisserschaft.

Nach der Klageerhebung gegen Glaeseker muss das Gericht nun über die Eröffnung eines Hauptverfahrens entscheiden. Sollte es zu einem Verfahren kommen, würde neben anderen Zeugen womöglich auch der frühere Bundespräsident Wulff unter Eid befragt. Würden die Ermittler oder das Gericht das Verfahren einstellen oder Glaeseker freisprechen, könnte das zu einer Debatte über die Arbeit der Staatsanwaltschaften führen.

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