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Angstforscher über Chemnitz : „Fremdenangst steckt in jedem von uns“

  • -Aktualisiert am

Fremdenangst steckt in jedem von uns? In dem einen mehr, dem anderen weniger. Ein Demonstrant in Chemnitz. Bild: AP

In Chemnitz entlädt sich die Wut auf alles Fremde. Dahinter steckt auch eine uralte Menschheitsangst. Angstforscher Borwin Bandelow erklärt im FAZ.NET-Interview, woher sie kommt – und warum rationale Argumente nur bedingt helfen.

          Herr Bandelow, in Chemnitz spielten sich zu Beginn der Woche chaotische Szenen ab. Ein rechter Mob zog randalierend durch die Straßen. Auch am Samstag war die Stimmung in der Stadt äußerst aggressiv. Erleben wir gerade eine neue Dimension von Fremdenfeindlichkeit?

          Absolut. Die Rechten haben Jagd auf alles gemacht, was auch nur ausländisch aussah. Hier ging es nicht um Selbstverteidigung, wie behauptet wurde, sondern es hat sich schlicht blanker Hass auf Fremde entladen.

          Woher kommt der Fremdenhass, der sich in Chemnitz Bahn bricht?

          Fremdenangst ist evolutionsgeschichtlich sehr alt und im Menschen angelegt. Vor Hunderttausend Jahren war es überlebensnotwendig, Furcht vor Fremden zu haben. Man hat sich deswegen zu Stämmen zusammengeschlossen, um sich vor den Anderen zu schützen, die mit der eigenen Gruppe um Territorium und Nahrung konkurriert haben. Menschen, die dieses Stammesdenken nicht in den Genen hatten, sind nach und nach ausgestorben.

          Das heißt, Fremdenangst war anfangs sogar produktiv.

          Ganz genau. Ich veranschauliche das gern am Beispiel der Spinnenphobie. Zunächst einmal: Eine Phobie ist eine übersteigerte Angst. Bei der Spinnenphobie handelt es sich um eine Furcht, die früher einen Überlebensvorteil bot, denn die Menschen starben damals noch an Spinnenbissen. Die Ängstlichen, die sich vor den Tieren hüteten, überlebten. Heute ist diese Angst in Deutschland überflüssig, weil es hier keine Spinne mehr gibt, die für uns eine tödliche Gefahr darstellen würde. Bei der Fremdenangst, der Xenophobie, ist das ähnlich.

          Und doch existiert sie noch.

          Solche Ängste werden genetisch weitergegeben. Deswegen haben wir sie heute immer noch, obwohl sie zum Überleben nicht mehr notwendig sind. Die Fremdenangst steckt wie andere Urängste in jedem von uns.

          Demagogen und Populisten appellieren gezielt an diese tiefsitzende Fremdenangst, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Warum gelingt es ihnen so leicht, diese Urangst zu reaktivieren?

          Das ist bei allen emotionalen Ängsten der Fall. Diese Ängste sind subjektive Gefühle und daher in einem sehr einfach strukturierten Teil unseres Gehirns angesiedelt, der für Fakten nicht zugänglich ist – er kennt nur Gut und Böse. Dann gibt es noch einen rationalen Teil des Gehirns, der sich auch mit Statistiken auseinandersetzt und das Für und Wider der Zuwanderung abwägen kann. Populisten versuchen, das einfache Xenophobie-Gehirn anzusprechen. So schüren sie Fremdenangst und instrumentalisieren sie für ihre Zwecke, obwohl sie keine überzeugenden Argumente liefern.

          Es hilft also nicht, der Überfremdungsangst Fakten entgegenzusetzen?

          Nur bedingt. Das primitive Hirnareal kann mit statistischen Wahrscheinlichkeiten nichts anfangen. Es reagiert nicht auf rationale Argumente. Wer Flugangst hat, dem nützt es nichts zu wissen, dass ein Flugzeug das sicherste Verkehrsmittel ist. Wenn bei einem Anschlag zehn Deutsche sterben, hilft es nichts, sich vor Augen zu führen, dass  jährlich 9000 Menschen durch Haushaltsunfälle sterben. Oder statistisch gesehen die Flüchtlingskriminalität kaum relevant ist. Natürlich gibt es auch eher vernunftgesteuerte Menschen, welche die Probleme, die mit der Migration einhergehen, realistisch einschätzen können. Ihre Ratio behält dann gegenüber dem primitiven Angstsystem die Oberhand. Beide Hirnareale befinden sich gewissermaßen in einem ständigen Widerstreit – und wenn Menschen sich bedroht fühlen, gewinnt oft der Urangst-Teil des Gehirns. Das trifft auch für einen Mathematikprofessor zu: Intelligenz schützt nicht vor Fremdenangst.

          Nun ist es aber nicht nur diese irrationale Xenophobie, die Menschen auf die Straße treibt.

          Das stimmt. Man muss grundsätzlich zwischen zwei Arten von Ängsten unterscheiden. Neben der unangemessenen, genetisch veranlagten Fremdenangst gibt es auch eine reale, berechtigte Angst. Damit meine ich eine Furcht vor den tatsächlichen Problemen, die mit der Flüchtlingskrise einhergehen. Die sollte man auch nicht verharmlosen. Denn natürlich gibt es auch eine Reihe vernünftiger Gründe, die dafür sprechen, die Zuwanderung zu begrenzen — und die Besorgnis auslösen können.

          Fremdenangst entsteht also aus der latenten Urangst gepaart mit rationalen Überlegungen.

          Richtig. Manchmal überwiegt dann eben die Urangst, was dann sehr schnell in Fremdenhass münden kann, wie man aktuell in Sachsen sehen kann. Am stärksten ausgeprägt ist die Angst, wenn ein Problem neu auftritt und es unbeherrschbar erscheint. In vielen Fällen legt sich diese Angst aber auch bald wieder.

          Wie kommt das?

          Nach einer gewissen Zeit passt sich der Mensch in der Regel an die Situation an und betrachtet sie viel nüchterner. Man wird irgendwann nicht mehr befürchten, dass etwa Flüchtlinge mit Macheten durch die Straßen ziehen und Frauen vergewaltigen. Sicher wird sich der Bürger bewusst bleiben, dass es Probleme mit der Zuwanderung gibt, aber er wird sich gleichzeitig sagen: Das Problem ist lösbar. Das erleben wir doch auch nach Terroranschlägen. Die Bevölkerung in Ländern, die häufig von Terror heimgesucht werden, gewöhnen sich mit der Zeit an die Bedrohung. Schon Tage nach den Anschlägen von Paris saßen die Menschen wieder in Straßencafés. Anders geht es doch auch gar nicht.

          Medien berichten sehr prominent, oftmals auch dramatisierend über Straftaten von Flüchtlingen. Schüren die Medien damit die Xenophobie?

          Das denke ich nicht. Die Medien sollen und müssen über solche Ereignisse berichten. Wenn man solche Taten verschweigt, würde sich die Bevölkerung hintergangen fühlen. Das würde die Fremdenangst erst recht schüren. Es mag sein, dass die Berichterstattung in manchen Fällen unaufgeregter sein sollte. Nötig ist eine Gratwanderung: die Sorgen ernst nehmen und gleichzeitig bei den Fakten bleiben.

          Was kann die Politik tun?

          Sie darf vor allem eines nicht tun: sich mit den Populisten gemein machen und in das gleiche Horn blasen. Das macht die etablierte Politik aber leider zu oft in letzter Zeit. Sie muss dringend verbal abrüsten, versachlichen und einen gemäßigten Ton einschlagen. Und es braucht Initiativen für einen besseren Austausch – auf beiden Seiten. Denn eines sollte man nicht vergessen: Auch Flüchtlinge haben Fremdenangst. Oft ist das auch einer der Gründe, warum sie lieber unter sich bleiben, nur ihre Muttersprache sprechen und sich Parallelgesellschaften bilden.

          Borwin Bandelow, geboren 1951 in Göttingen, ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Psychologe und Psychotherapeut. Er leitete auch eine Zeit lang kommissarisch die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Göttingen. Bandelow gilt als Fachmann für Angsterkrankungen.

          Um Phobien, etwa Flugangst, zu überwinden, setzt man oft auf die so genannte Konfrontationstherapie. Was empfehlen Sie gegen Fremdenangst?

          Das ist eine schwierige Frage. Es gibt da kein Patentrezept, fürchte ich. Aber ich glaube, eine Art Konfrontationstherapie wäre auch in diesem Fall sinnvoll. Kennzeichen der in unserem Gehirn verankerten Fremdenangst ist ja gerade, dass sie nicht auf Erfahrungen basiert. Das ist auch ein Grund, warum der Fremdenhass in Sachsen grassiert: Dort gibt es nur wenige Ausländer; vielen fehlt also der Kontakt und damit die Erkenntnis, dass ihre Angst unbegründet ist. Man sollte Kontakt mit Migranten suchen, sich austauschen, sich das Fremde vertraut machen. Die ständige Konfrontation hat einen Gewöhnungseffekt. Einen anderen Weg sehe ich nicht.

          Sind Sie als Angstforscher eigentlich angstfrei?

          Diese Frage höre ich oft, weil es viele glauben. Ich muss ja immer für Fotos Spinnen in die Hand nehmen. Ich bin eigentlich ein nüchtern und rational denkender Mensch und beruhige mich mit statistischen Wahrscheinlichkeiten: Mordraten haben seit dem Jahr 2000 um 19 Prozent abgenommen. So sind etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, an denen 43 Prozent der Deutschen sterben, viel häufiger. Aber natürlich habe auch ich Ängste. Einen Mechanismus zu durchschauen heißt ja nicht, ihn auch zu beherrschen.

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