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Im deutschen Exil : Angriff auf türkischen Journalisten in Berlin

In Hamburg lebende Journalistinnen und Journalisten aus der Türkei demonstrieren Anfang 2020 vor dem Türkischen Konsulat für Pressefreiheit. Bild: dpa

Der türkische Journalist Erk Acarer ist bei einem Angriff in Berlin am Mittwochabend verletzt worden. Ein anderer regierungskritischer Journalist stellt eine Verbindung zum türkischen Präsidenten Tayyip Erdogan her.

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          mwe. BERLIN. In Berlin ist ein regierungskritischer türkischer Journalist am Mittwochabend von mehreren Angreifern verletzt worden. Es handelt sich um den 48 Jahre alten Erdogan-Kritiker Erk Acarer, der seit April 2017 im Exil in Deutschland lebt. Er wurde nach Polizeiangaben am Mittwochabend um kurz vor zehn im Innenhof seines Wohnhauses im Neuköllner Ortsteil Rudow von zwei Männern getreten und geschlagen, während ein dritter Mann „Schmiere“ gestanden habe.Als mehrere Personen auf das Geschehen aufmerksam wurden, seien die Täter geflohen.

          Markus Wehner
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Acarer erlitt Kopfverletzungen und wurde von Sanitätern in ein Krankenhaus gebracht und dort ambulant behandelt. Der Staatsschutz des Berliner Landeskriminalamts ermittelt, über die möglichen Täter machte die Polizei zunächst keine Angaben.

          Acarer veröffentlichte ein Foto von sich

          Acarer geht davon aus, dass er wegen seiner Tätigkeit als Journalist attackiert wurde. In der Türkei wird er wegen seiner Artikel mit mehreren Haftbefehlen gesucht. Vorgeworfen wird ihm und anderen Journalisten, geheime Informationen zur staatlichen Sicherheit und zu Aktivitäten türkischer Geheimdienste veröffentlicht zu haben.

          Nach der Tat veröffentlichte Acarer am Mittwochabend ein Foto von sich auf Twitter und schrieb: „Ich kenne die Täter. Ich werde niemals vor dem Faschismus kapitulieren.“ Er sei mit einem Messer und mit Faustschlägen angegriffen worden. Am Donnerstag sagte Acarer in einem Video, es habe sich um drei Angreifer gehandelt, die Waffen bei sich geführt hätten. Sie hätten die Waffen nicht eingesetzt, weil sich viele Personen im Hof des Hauses aufgehalten hätten.

          Acarer geht davon aus, dass es sich bei den Angreifern um türkische „Sicherheitskräfte“ handelt. Die Täter hätten ihm zugerufen: „Du wirst nicht schreiben.“ Der Journalist machte die AKP, die Partei des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, und deren rechten Bündnispartner MHP für die Tat verantwortlich. Er und seine Familie stehen nun unter Polizeischutz.

          Zahlreiche Journalisten und Politiker reagierten empört auf die Tat. Der im deutschen Exil lebende türkische Journalist Can Dündar schrieb, die Tat sei eine „direkte Botschaft“ Erdogans, der beweisen wolle, dass die Türkei „einen regimekritischen Journalisten sogar in Berlin angreifen“ könne.

          Ähnlich bewertete Cem Özdemir, Bundestagsabgeordneter der Grünen, den Angriff. Er sei als Racheakt zu verstehen, weil Acarer über Verbindungen der türkischen Regierung zur organisierten Kriminalität berichtet habe. „Die Botschaft gilt allen Demokraten in Deutschland nach dem Motto: Ihr seid auch in Deutschland nicht sicher“, sagte Özdemir dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Es sei „ungeheuerlich“, dass Exilanten um ihre Sicherheit fürchten müssten.

          Die Journalistin Meşale Tolu, die 2017 mehrere Monate in türkischer Untersuchungshaft saß, verurteilte die Attacke: „So viele Menschen suchen Schutz in Deutschland und werden dann auch hier aggressiver Gewalt ausgesetzt. Das muss ein Ende haben.“ Die Journalistin Düzen Tekkal schrieb, man dürfe nicht zulassen, „dass der lange Arm Erdogans in Deutschland sein Unwesen treibt“.

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