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Angriff auf Synagoge in Halle : Ungeschützt an Jom Kippur

Polizisten in der Nähe der Synagoge in Halle Bild: Daniel Pilar

Am höchsten jüdischen Feiertag wird in Halle auf die Synagoge geschossen. Anders als in Berlin oder Frankfurt gibt es hier keinen Polizeischutz. Zwei Passanten sterben, ein größeres Blutbad wurde nur knapp verhindert.

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          Sie sind in die Kirche gekommen. Obwohl die Polizei seit Stunden über Radio, Fernsehen und die sozialen Medien die Hallenser Bürger aufruft, zu Hause zu bleiben, weil die Lage noch immer unübersichtlich ist. Kurz vor 18 Uhr ist die Innenstadt von Halle dann auch wie leergefegt. Aber ein paar huschen in die Kirche.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Eigentlich wollten sie jetzt die friedliche Revolution von vor 30 Jahren feiern. Aber das Friedensgebet haben sie absagen müssen, nachdem klar war, was an diesem Tag in Halle geschehen war. Wahrscheinlich mehrere Täter waren durch die Stadt gezogen und hatten um sich geschossen. Zwei Menschen starben. Offenbar hatte ein Täter versucht, in die Synagoge einzudringen. Aber das gelang ihm nicht. Nun hat die Marktkirche, ein imposanter gotischer Bau mit vier Türmen, eine Andacht statt. Eine Frau verteilt Gesangsbücher. „Wir sind da“, sagt sie. Auch wenn die Bürger zu Hause bleiben sollten, sie seien im Wahrsten Sinne des Wortes bewegt.

          Um den Altar stellen sie Stühle, um näher zusammen zu sein. Es wird gesungen und gebetet. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.“ Jeder kann nun aufstehen, eine Kerze anzünden und sagen, was in ihm vorgeht. Einer sagt, er denke an die Opfer und ihre Angehörigen. Eine andere fragt, wie könnten Menschen glauben, mit Mord ihre Ansichten durchsetzen zu können. Und einer spricht sogar von Dankbarkeit. Denn der Angriff auf die Synagoge sei wenigstens missglückt, es müsse nicht wieder eine Synagoge in Halle brennen. Dazwischen herrscht Stille und Ratlosigkeit.

          Bürger der Stadt Halle, auf deren Mobiltelefon ein Katastrophenwarner installiert ist, erhielten am Mittwochmittag um 12:48 Uhr folgenden Alarm: „Schusswaffengebrauch im Stadtgebiet. Gebäude und Wohnung nicht verlassen. Von Fenstern und Türen fern bleiben.“ Die Polizei hatte es zu diesem Zeitpunkt mit einer schwer zu überschauenden Einsatzlage zu tun: Bei der Synagoge im Paulusviertel, einem begehrten Wohngebiet mit Altbauten aus der Gründerzeit, waren Schüsse abgegeben worden. Eine Anwohnerin, die nur wenige Straßen weiter wohnt, berichtet am Telefon, dass Polizeihubschrauber über dem Gebiet kreisen und überall Martinshörner zu vernehmen seien. Den geplanten Gang zu ihrem Arbeitsplatz hat sie bleiben lassen und hält sich stattdessen im Inneren ihrer Wohnung auf. Auch ihr Arbeitgeber, die Universität Halle-Wittenberg, hat eine Warnung herumgeschickt, bloß nicht auf die Straße zu gehen. Zu diesem Zeitpunkt kursieren bereits Berichte in der Stadt. Zunächst über ein Todesopfer, kurz darauf über zwei Todesopfer sowie über mehrere Angreifer, die auf der Flucht seien.

          Die Synagoge ist ein Bestandteil des historischen Gebäudeensembles im Paulusviertel. 1894 war sie als Feierhalle für den jüdischen Friedhof erbaut worden, der einige Jahre zuvor etwas weiter nördlich angelegt worden war. Auf diesen Friedhof soll eine Handgranate geworfen worden sein. Auch das war ein Hinweis darauf, dass der Anschlag gezielt gegen das Judentum gerichtet war. Hinzu kommt, dass die Juden am Mittwoch Jom Kippur feierten, den Tag der Versöhnung und den höchsten Feiertag im Judentum. Im alten Israel war Jom Kippur der einzige Tag, an dem der Hohepriester das Allerheiligste im Jerusalemer Tempel betreten durfte.

          Die jüdische Gemeinde in Halle ist nicht groß. Sie ist theologisch eher konservativ geprägt, gilt aber als offen und betreibt eine anspruchsvolle Kulturarbeit. Die Gemeinde ist mehrheitlich von Juden aus der früheren Sowjetunion geprägt. Der Vorsitzende der Gemeinde ist Max Privorozki. Knapp drei Stunden nach dem Angriff erklärt er im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass sich – bedingt durch den hohen Feiertag – zum Zeitpunkt des Anschlags 70 bis 80 Gemeindemitglieder in der Synagoge aufgehalten hätten. Verletzt oder gar getötet worden sei jedoch keiner von ihnen.

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