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Angriff auf Synagoge in Halle : Ungeschützt an Jom Kippur

Sollten sich diese Angaben bestätigen, dürfte vor der anstehenden Landtagswahl in Thüringen eine neue Debatte über die Gefahr durch Rechtsextreme entbrennen. In Halle gibt es diesbezüglich schon seit einiger Zeit Gesprächsbedarf: In der traditionsreichen Universitätsstadt an der Saale unterhält die Identitäre Bewegung beim Steintorcampus der Geisteswissenschaften seit 2017 ein eigenes Haus, das Anziehungspunkt für die Neue Rechte sowie extrem rechts stehende AfD-Abgeordnete ist. Aus dem Haus heraus wurden schon Polizisten von Rechtsextremisten angegriffen, die dabei Schutzhelme trugen.

Ministerpräsident Haseloff brach Brüssel-Reise ab

Die Geschehnisse in Halle beschäftigten am Mittwoch aber nicht nur die Sicherheitsbehörden und die Einwohner von Halle und Landsberg. Nutzer der Deutschen Bahn mussten sich auf Verspätungen einstellen, da der Bahnhof Halle über Stunden gesperrt war und ICE-Züge sowie IC-Züge über Leipzig umgeleitet wurden. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff brach wegen der Geschehnisse in Halle kurzfristig seine Brüssel-Reise ab und kehrte in sein Bundesland zurück. „Ich bin entsetzt über diese verabscheuenswürdige Tat. Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land. Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer“, teilte der CDU-Politiker mit. Steffen Seibert, der Sprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach zurückhaltend von „schrecklichen Nachrichten aus Halle“.

Da man jedoch einen antisemitische Motivation des Angriffs vermuten musste, wurden die Sicherheitsvorkehrungen an vielen Synagogen in Deutschland verstärkt. Vor der Synagoge in Halle an der Saale waren zum Zeitpunkt des Angriffs keine Polizisten postiert gewesen, berichtet der Gemeindevorsitzende Max Privorozki. Offenbar hielten die Behörden einen besonderen Schutz der jüdischen Gemeinde auch zu Jom Kippur nicht für erforderlich. Die frühere Polizeipräsidentin von Halle soll einmal gesagt haben, die Gefährdungslage der Synagoge in der Stadt sei mit Gefährdung von Synagogen wie Frankfurt am Main nicht zu vergleichen. Auch aufgrund Personalmangels stelle man nicht ständig Polizisten zu deren Schutz ab, sondern bloß sporadisch. Ein Anwohner aus der Nachbarschaft der Synagoge berichtet, dass die Polizeipräsenz seither sogar noch reduziert worden sei. Anders als in Frankfurt oder Berlin habe er schon seit Jahren kein als Polizeifahrzeug erkennbaren Wagen vor der Synagoge gesehen. Es gebe lediglich eine Überwachungskamera. Über diese Kamera konnten die Mitglieder der Gemeinde am Mittwoch verfolgen, wie der Angreifer mit brachialer Gewaltanwendung versuchte, in ihre Synagoge zu gelangen.

Der Grünen-Landtagsabgeordnete Sebastian Striegel, der ebenfalls im Paulusviertel unweit der Synagoge wohnt, glaubt, dass die Besucher der Synagoge bei diesem glasklaren antisemitischen Anschlag großes Glück gehabt hätten. „Ein größeres Blutbad wurde nur verhindert, weil es bei dem Angriff nicht gelang, die Eingangstüre zu durchbrechen.“ Die in der Synagoge versammelten Gläubigen wollten sich dem Hass gegen ihre Religion am Mittwoch auch nach dem Angriff nicht beugen. Als die Polizei die Gemeindemitglieder im Lauf des Nachmittags in Sicherheit bringen wollte, widerstrebte das dem Gemeindevorsitzenden Max Privorozki. An Jom Kippur gehe man nicht so früh nach Hause. „Erst nach Sonnenuntergang.“

Gegen 20 Uhr kommen vor allem junge Menschen auf dem Marktplatz, bald dürften es einige wenige Hundert sein. Viele haben Kerzen dabei. Nacheinander treten sie an einen Betonsockel, der an diesem Abend zum Mahnmal wird, und stellen brennende Kerzen darauf. Auch einige Blumen werden niedergelegt. Das Bündnis „Halle gegen Rechts“ hatte kurzfristig über Facebook zu der Andacht aufgerufen. Die Straßenbahnen rattern da schon wieder am Marktplatz vorbei, die Ausgangswarnung ist aufgehoben. Auf dem Marktplatz aber ist es trotz der vielen Menschen ruhig, fast bedrückend still.

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