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Angriff auf Synagoge in Halle : Ungeschützt an Jom Kippur

Diese Angabe deckt sich mit der Schilderung eines Mannes im Mitteldeutschen Rundfunk. Er habe zunächst einen „Riesenknall“ vernommen und gesehen, wie jemand mit einer Schrotflinte auf die Tür der jüdischen Einrichtung geschossen habe. Kurz darauf sei eine junge Frau „zufällig“ von der Straßenbahn gekommen. Der Angreifer habe die Frau erschossen, allerdings mit einer anderen, automatisierten Waffe. Danach habe er weiter mit der Schrotflinte auf die Tür geschossen. Der Täter versuchte in die Synagoge einzudringen. Und noch etwas erzählte der Mann: Der Angreifer habe beinahe wie ein Polizist ausgesehen, habe einen Helm sowie Schutzkleidung getragen. Die Deutsche Presse-Agentur berichtet unter Berufung auf Sicherheitskreise, dass der Angreifer vor der Synagoge auch selbstgebastelte Sprengsätze abgelegt habe.

Der Täter schoss durch die Scheibe

Bilder und Videoaufnahmen aus Halle, die kurz darauf im Internet kursieren, zeigen noch eine weitere Szene: Ein Mann, den man in seiner Montur für das Mitglied eines Spezialkommandos halten könnte, steht mitten auf einer größeren Straße hinter einem VW Golf. Das Kennzeichen weist auf das nordrhein-westfälischen Euskirchen, wo viele Mietfahrzeuge angemeldet sind. Der Mann feuert um sich. Dass die Aufnahmen aus Halle stammen, ist daran zu erkennen, dass auch Wahlplakate für die anstehende Oberbürgermeister-Wahl in der Stadt zu sehen sind.

Einen weiteres Todesopfer hatte es zuvor in einem Döner-Imbiss gegeben, der in der Nähe der Synagoge in der Ludwig-Wucherer-Straße gelegen ist. Nach dem Bericht eines Augenzeugen soll der Täter durch die Scheibe gefeuert haben. Neben den beiden erschossenen Opfern soll es zwei Schwerverletzte gegeben haben, die wegen Schussverletzungen in der Universitätsklinik behandelt werden. Das Klinikum hielt wegen der unklaren Lage vorsorglich weitere Operationssäle in Bereitschaft.

Gegen 14 Uhr vermeldete dann die Polizei Halle, dass ein Täter festgenommen werden konnte.

Der Einsatz war damit aber noch nicht vorbei. Denn die Ermittler hatten Hinweise darauf, dass an dem Angriff ein zweiter, wenn nicht noch mehr Täter beteiligt waren. „Die mutmaßlichen Täter sind mit einem Fahrzeug flüchtig“, teilte die Polizei auf Twitter zunächst mit. Später wurde berichtet, die Täter hätten versucht, getrennt zu fliehen. Die Lage war äußert unübersichtlich und es war nicht klar, auch für die Sicherheitsbehörden, ob an dem Angriff tatsächlich mehrere Täter beteiligt waren oder ob es sich um einen Einzeltäter handelte. Die Sicherheitsbehörden forderten unter anderem die Bewohner im Bereich Landsberg auf, in ihren Wohnungen zu bleiben. In der Region, die rund 15 Kilometer von Halle entfernt im Saalekreis liegt, fielen Schüsse. Der Ortsteil WIedersdorf wird abgeriegelt.

Es ist ein Großeinsatz, der zu diesem Zeitpunkt ins Rollen kommt. Die Führung übernimmt die Polizeiinspektion Halle. Einsatzkräfte aus ganz Mitteldeutschland werden in der Region zusammengezogen, auch Spezialkräfte der Bundespolizei. Aus dem Sicherheitsapparat ist zu hören, dass man auf schwere Ausrüstung setze, da man sich auf weitere Schusswechsel einstellen müsse, etwa beim Versuch einer Festnahme. Auch sei damit zu rechnen, dass der Einsatz noch länger andauern könne. Auch außerhalb von Sachsen-Anhalt werden die Verkehrswege überwacht.

Völlig offen sind zu diesem Zeitpunkt die Hintergründe des Angriffs. „Das ist auch völlig normal“, erklärt ein Beamter, denn zunächst sei die akute Gefährdungslage abzuarbeiten. Die Polizeiinspektion Halle konnte über die Identität des Festgenommenen zunächst auch keine Angaben machen. Wegen des möglichen politischen Hintergrunds werden die Ermittlungen jedoch bereits am Nachmittag von der Bundesanwaltschaft übernommen. Die Ermittler aus Karlsruhe sprechen dann relativ rasch davon, dass die gesamten Umstände des Angriffs auf einen rechtsextremistischen Angriff hindeuteten. Später erfuhr die F.A.Z. aus Koalitionskreisen in der Landeshauptstadt Magdeburg, dass der festgenommene mutmaßliche Angreifer ein Deutscher sei – ein „Weißer“, kein „Araber“.

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