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Angriff auf Lokal „Schalom“ : Jüdisches Forum kritisiert sächsische Sicherheitsbehörden

  • Aktualisiert am

Uwe Dziuballa, hier vor seinem Restaurant „Schalom“ in Chemnitz, beschreibt, wie er am 27. August von Maskierten angegriffen wurde. Bild: AFP

Das Jüdische Forum für Demokratie bemängelt den Umgang von Polizei und Staatsanwaltschaft mit der Attacke auf ein jüdisches Restaurant in Chemnitz. Die Öffentlichkeit habe zu spät von dem Vorfall erfahren.

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          Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat den Angriff auf ein koscheres Restaurant in Chemnitz verurteilt und die Politik zum Handeln aufgerufen. „Die rassistischen Ausschreitungen und der Anschlag auf das koschere Restaurant in Chemnitz zeigen, wie stark der Rechtsextremismus in der Region verwurzelt ist“, erklärte Zentralrats-Präsident Josef Schuster am Sonntag. Beschwichtigungsversuche und eine mangelnde Distanzierung von Rechtspopulisten spielten genau diesen Kräften in die Hände.

          Nach der Attacke auf das Restaurant Ende August kommt auch Kritik an den Sicherheitsbehörden auf. Weder die Polizeidirektion Chemnitz noch das LKA Sachsen oder die Generalstaatsanwaltschaft Dresden hätten über den Angriff informiert, bemängelte das Jüdische Forum für Demokratie am Samstag in Berlin. Koordinator Levi Salomon sagte: „Dieser gewaltige Fall von Antisemitismus hätte zeitnah von den Behörden öffentlich gemacht werden müssen.“ Dass die Öffentlichkeit erst Tage später von dem Überfall erfahren habe, sei ungeheuerlich, so das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA).

          Wie die „Welt am Sonntag“ berichtet, bestätigte das sächsische Landeskriminalamt mittlerweile eine Anzeige des Wirts über den Vorfall, der sich am Abend des 27. August zugetragen haben soll. Demnach wurde das Restaurant „Shalom“ von etwa einem Dutzend Neonazis angegriffen. Die vermummten, in schwarz gekleideten Täter hätten „Hau ab aus Deutschland, Du Judensau“ gerufen und und das Lokal mit Steinen, Flaschen und einem abgesägten Stahlrohr beworfen. An diesem Tag war eine aggressive, von Hooligan-Gruppen dominierte Demonstration durch Chemnitz gezogen.

          Der Besitzer des „Schalom“, Uwe Dziuballa, stammt dem Bericht zufolge aus einer alteingesessenen jüdischen Familie in Chemnitz. Er wurde während des Angriffs von einem Stein an der rechten Schulter verletzt. Sein Lokal war seit der Eröffnung im März 2000 immer wieder Ziel antisemitischer Übergriffe. Mal wurden Scheiben eingeschlagen, mal Hakenkreuze an die Fassaden geschmiert oder Schweinsköpfe vor das Lokal gelegt.

          Michael Kretschmer (rechts) mit einem Gast beim „Tag der Sachsen“ am Samstag
          Michael Kretschmer (rechts) mit einem Gast beim „Tag der Sachsen“ am Samstag : Bild: dpa

          Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, zeigte sich alarmiert. „Sollten die Berichte zutreffen, haben wir es mit dem Überfall auf das jüdische Restaurant in Chemnitz mit einer neuen Qualität antisemitischer Straftaten zu tun. Hier werden die schlimmsten Erinnerungen an die dreißiger Jahre wachgerufen.“

          Sachsens Ministerpräsident Stefan Kretschmer hat erschüttert auf die Attacke auf das Lokal reagiert. Kretschmer wolle sich deshalb demnächst mit dem Betreiber treffen, sagte der sächsische Regierungssprecher Ralph Schreiber am Samstag in Torgau. Ein Termin stehe aber noch nicht fest.

          Kretschmer habe am Freitagabend mit Wirt Dziuballa telefoniert. Zuvor habe dieser einen bewegenden Brief an den Regierungschef geschrieben. Darin schilderte er laut Schreiber die Attacke auf sein Lokal.

          Spezialisten des sächsischen Extremismus-Abwehrzentrums haben in dem Fall inzwischen die Ermittlungen übernommen. Der Wirt des Lokals habe Anzeige erstattet, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Es müsse von einem antisemitischen Hintergrund ausgegangen werden. Die Ermittlungen seien allerdings noch nicht abgeschlossen. Der Ministeriumssprecher sagte, derzeit laufe noch die Auswertung der gesicherten Spuren. Er würden auch Gäste des Lokals befragt, zudem werde das Bildmaterial ausgewertet.

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