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Presse-Echo auf Merkel-Rückzug : „Historischer Gigant“ – „Chance eines glanzvollen Abgangs verpasst“

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„Wir werden Angela Merkel nachtrauern“, schreibt die italienische Zeitung „Corriere della Sera“ über Merkels Rückzug auf Raten. Andere internationale Medien finden weniger schmeichelnde Worte. Bild: dpa

Nach der Ankündigung ihres Rückzugs auf Raten lobt die internationale Presse Angela Merkel für ihre Verdienste. Die Trennung von Parteispitze und Kanzlerschaft wird aber kritisch gesehen.

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          Die „letzte Gelegenheit“ oder das Verpassen eines „glanzvollen Abgangs“? Angela Merkels angekündigter Rückzug von der CDU-Spitze ist auch im Ausland ein großes Kommentarthema in den Zeitungen. Viele Kommentatoren erwarten unsichere Zeiten für die deutsche Politik.

          „New York Times“, Vereinigte Staaten

          „Frau Merkel vollzieht mit ihrem Rückzug den richtigen Schritt. „Ich will kein halbtotes Wrack sein, wenn ich die Politik verlasse“, hatte sie gesagt, bevor sie Kanzlerin wurde, und in der letzten Zeit sahen sie und ihre Koalition müde aus. Ihre Umfragewerte sind gefallen, und 13 und mehr Jahre sind mehr als genug für jeden politischen Anführer. Und die besten Anführer sind die, die wissen, wann es Zeit zu gehen ist.“

          „Lidove noviny“, Tschechien

          „Vielleicht kommt eine Zeit, in der wir auf Angela Merkel nostalgisch zurückschauen werden wie heute auf Kaiser Franz Joseph – als Verkörperung der Stabilität in einem Sturm der Unruhe. Eine solche Vorhersage mag auf den ersten Blick utopisch erscheinen, denn viele Menschen werfen Merkel heute Destabilisierung vor, indem sie die Türen für die Migrationskatastrophe geöffnet hat. Doch man kann nicht darüber hinwegsehen, dass die westliche Welt von Instabilität in einer weiter gefassten Sichtweise erschüttert wird. Betroffen sind auch Länder, die von der Migrationswelle 2015 verschont geblieben sind. Es ist eine Wellenbewegung, die in Großbritannien für den Austritt aus der EU gesorgt, in den USA Donald Trump ins Weiße Haus getragen und in Italien die gesamte politische Szene umgewälzt hat. (...) Eines Tages werden wir uns vielleicht an Angela Merkel als Verkörperung der Sicherheit in alten Zeiten erinnern.“

          „Corriere della Sera“, Italien

          „Wir werden Angela Merkel nachtrauern. Die Deutschen, die sie seit 2005 als Kanzlerin hatten, haben die schlimmste Wirtschaftskrise eines Jahrhunderts unbeschadet überstanden. Und wir Europäer, die ihr Zögern erlebt haben, aber auch ihre Fähigkeit, immer das Richtige zu machen, wenn es angebracht war und es keine Alternative gab: Sei es die Griechenlandkrise oder die Flüchtlingskrise im Jahr 2015. Jetzt, wo ihre Dämmerung begonnen hat, zeichnet sich Merkel als historischer Gigant in diesem Stückchen des Jahrtausends ab.“

          „The Times“, Großbritannien

          „Ihr langer Abschied - angekündigt, nachdem ihre Partei in landesweiten Umfragen abgesackt ist und bei den Wahlen in Hessen Prügel bezogen hat – läutet eine Periode der Instabilität in der größten Volkswirtschaft Europas ein. (...) Der Machtkampf um ihre Nachfolge als Parteivorsitzende – sowie als Regierungschef – wird wahrscheinlich chaotisch. Innerhalb von wenigen Minuten nach ihrer Erklärung meldeten sich bereits drei Anwärter.“

          „Ouest-France“, Frankreich

          „Was sich beim Parteitag der CDU im Dezember abspielen wird, wird also ausschlaggebend sein. Wie alle rechten, europäischen Parteien ist die CDU gespaltener Meinung darüber, wie man dem Auftauchen einer nationalistischen, xenophoben und identitären Kraft an ihrer rechten Seite die Stirn bieten soll. Muss man dieser Gesinnung den Hof machen, so wie die bayrische CSU von Innenminister Horst Seehofer es in den letzten Monaten versucht hat und dabei viele Federn gelassen hat? Oder muss man sich davon distanzieren? Die Zweitplatzierte hinter Angela Merkel, Annegret Kramp-Karrenbauer (...), ist für die zweite Option.“

          „Iswestija“, Russland

          „Was Merkel anbetrifft, ist die Entscheidung wohl der notwendige Kompromiss, um ihr für die kommenden Jahre den Posten der Kanzlerin zu sichern. Denn es folgte sogleich die Ankündigung, dass sie bei der Wahl 2021 nicht mehr kandidieren wird. Mit anderen Worten, Merkel hat ihr Angebot in einem politischen Handel gemacht: Sie gibt die Parteiführung ab und tritt bei der Wahl nicht mehr an und bekommt dafür, dass sie die Wahlperiode als Kanzlerin beenden darf.“

          „Tagesanzeiger“, Schweiz

          „Es war die wohl letzte Gelegenheit, bevor ihre Kritiker beim Parteitag Anfang Dezember vielleicht zum Sturz des Denkmals aufgerufen hätten. Anders als Konrad Adenauer und vor allem Helmut Kohl kam Merkel damit einem demütigenden politischen Ende knapp zuvor.“

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