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Kommentar CSU-Parteitag : Merkels Kratzfuß

  • -Aktualisiert am

„Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht“: Merkel auf dem CSU-Parteitag in Nürnberg. Bild: AFP

In der ganzen Union wächst die Einsicht, dass es wohlverstandene christliche Politik ist, globales Elend zu mildern, darüber hinaus jedoch das eigene Land nicht aus den Augen verloren werden darf.

          Nach dem CSU-Parteitag in Nürnberg ist das Wehklagen groß: Eine seichte Soapopera sei dem Publikum geboten worden. Mit Horst Seehofer, der in Markus Söder den verlorenen Sohn entdeckte. Mit Söder, der Seehofer als sein großes Vorbild pries, dem er bis zum Ende seiner politischen Tage nacheifern will. Und mit Angela Merkel, die auf der Parteitagsbühne Drafi Deutschers „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht“ beschwor. Solche ironischen Inszenierungen lieben politische Großkritiker nicht, zumindest nicht, wenn sie nördlich des Weißwurstäquators zu Hause sind.

          Im barocken Bayern nimmt man es mit der Scheidung zwischen Schein und Sein nicht so streng. Ein Parteitag wird nicht mit dem richtigen Leben verwechselt, sondern als eigenständige Kunstform gepflegt. Nicht immer mit Erfolg: Vor zwei Jahren missriet das Debüt Seehofers als flüchtlingspolitischer Racheengel – mit Angela Merkel als unfreiwilliger Statistin – gründlich. Aus frivolem Spiel wurde bitterer Ernst, mit einer Union, die ihren Namen Lügen strafte. Erst als die Bundestagswahl nahte, wurden die Rollentexte hektisch überarbeitet, doch Merkel und Seehofer konnten sie nicht mit Leben füllen.

          Der Beifall fiel am 24. September mäßig aus – besonders mäßig für die CSU. In Nürnberg wurde deshalb eine Neuinszenierung auf den Spielplan gesetzt. Die Kanzlerin vermied zwar ein ausdrückliches mea culpa in der Flüchtlingspolitik, ließ aber so viel Bußfertigkeit erkennen, dass ihr die Mehrheit der Delegierten die Absolution erteilte. Flüchtlinge, die in Deutschland straffällig würden, müssten das Land verlassen, sonst werde der Rechtsstaat zerstört – das waren Sätze aus dem Mund Merkels, auf die in der CSU lange gewartet worden war. Die Autoren des Singspiels beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg – dem bayerischen Hochfest der Politik – werden es nicht leicht haben, die Nürnberger Regieleistung zu übertreffen. Der Kanzlerin ging die Formel „Regelwerk zur Migration“, die ihr die CSU abgerungen hat, flüssig über die Lippen. Und sie stimmte in das Gottseibeiuns der CSU angesichts der SPD-Forderung nach einer Bürgerversicherung im Gesundheitswesen ein.

          Ganz schloss sie nicht zur Meisterschaft auf, mit der Seehofer und Söder dem ehrwürdigen Genre des Herrscherlobs wechselseitig nachgingen. Wer Seehofer hörte, konnte nur den Schluss ziehen, dass Söder der Nachfolger im Amt des bayerischen Ministerpräsidenten ist, von dem er immer träumte, es aber nie auszusprechen wagte. Söder pries Seehofers Verhandlungsgeschick in Berlin mit so warmen Worten, dass der Wunsch nach ewig währenden Koalitionsverhandlungen aufkommen konnte.

          Alles nur eine virtuelle Welt, die nichts mit der Realität zu schaffen hat? Auch in der Politik verbergen sich hinter dem Theatralischen tiefere Wahrheiten, ja, sie werden erst dadurch sichtbar. Nicht nur in der CSU gewinnt ein moderner Konservativismus, wie ihn Söder propagiert, wieder an Boden – ein Konservativismus, der Heimat als bezahlbaren Wohnraum, als Pflege für Gebrechliche, die den Namen verdient, und als auskömmliche Altersrenten definiert. Merkels Kratzfuß vor der CSU gehörte zur Nürnberger Parteitagsdramaturgie. Aber er ist auch ein Zeichen, dass in der ganzen Union eine Besinnung darauf stattfindet, dass es wohlverstandene christliche Politik ist, globales Elend zu mildern, darüber aber das eigene Land nicht aus den Augen verloren werden darf.

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